Die grüne Insel Utopia

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Utopische Träume, die mittlerweile mit 34 Milliarden Euro im Jahr zu Buche schlagen: Die Energiewende ist Lehrstück über die Hybris menschlichen Denkens.

Utopien sind immer gefährlich, denn sie tragen das Totalitäre in sich wie eine Dose Cola den Zucker. Und Utopien sind das Gegenteil von demokratisch-parlamentarisch verfasster Politik. Denn sie zielen auf den großen Sprung, die Umwälzung, die radikale Veränderung. Ausgangspunkt einer Utopie ist ein als unerträglich empfundener Status Quo, das Endziel einer Utopie ist die umfassende Erlösung. Utopisten verstehen sich nicht als Problemmanager, sondern als Heilsbringer, die Probleme abschaffen – endgültig, ein für allemal. Und sie sind schrecklich beleidigt, wenn man ihnen nicht folgt.

Utopisches Denken ist auch die Basis vom „Erneuerbare-Energien-Gesetz“ (EEG). Der Vater dieses revolutionären Werks, dessen Wirkung jeder deutsche Stromkunde bei der Lektüre seiner jährlichen Stromabrechnung in harten Euros nachlesen und erleben darf, war Hermann Scheer, ein langjähriger SPD-Bundestagsabgeordneter, der 2010 verstarb. Scheers Politik konnte nur vor einer apokalyptischen Kulisse funktionieren. Das Bühnenbild für seine größte Aufführung zimmerte der Sozialdemokrat gleich selbst zusammen. So sprach er mit Blick auf die konventionelle Stromerzeugung mittels Kohle, Gas oder Kernspaltung von drohenden „größten Katastrophen, die wir uns überhaupt vorstellen können, für die es überhaupt kein Beispiel in der Zivilisationsgeschichte gibt“. Mit drastischen Folgen natürlich. Der Welt blühe nicht weniger als „der brutalste Konflikt, den es je gegeben hat“. So dichtete Scheer lange bevor der Syrienkrieg ausbrach und ein Diktator sein eigenes Volk begann mit Giftgas zu ermorden und lange bevor der sogenannte „Islamische Staat“ seinen Feinden die Köpfe abtrennte – beides lässt sich nur mit enorm viel Fantasie auf Energieerzeugungsfragen zurückführen. Scheer wäre das freilich spielend gelungen.

Alternativlos

Aber als Utopist konnte Scheer seinem Publikum das denkbar simple Gegenmittel verabreichen: „Der Wechsel zu erneuerbaren Energien ist ein Strukturwandel, wie wir ihn seit Beginn des Industriezeitalters nicht erlebt haben.“ Solche und andere Mischungen aus Kalenderweisheit und Prophezeihung presste Scheer in Reden und Bücher, die Titel tragen wie „Die gespeicherte Sonne – Wasserstoff als Lösung des Energie- und Umweltproblems“ oder „Sonnen-Strategie – Politik ohne Alternative“. Logisch: Utopisten kennen nur einen Weg ins Licht. Ihren. Der ist natürlich alternativlos. Und wer nicht folgen mag, ist zu doof oder einfach nur ein „Einflussagent“, wie Scheer Kritiker seines Kurses gerne nannte.

Auch der Begriff der Energiewende signalisiert, dass wir es mit einem Vorgang aus dem Bereich der Erlösungspolitik zu tun haben, ein Ansatz, der sich Techniken bedient, die man sonst von Kirchenkanzeln kennt: Kehret um! Mit Agrarwende und Verkehrswende kursieren bereits weitere Ideen aus der einschlägigen Denkschule und warten auf ihre Verwirklichung. Die Grünen bereiten da gerade was vor.

Dieser Tage hat übrigens der Bundesrechnungshof eine aus Sicht der Kritiker recht unerquickliche Bilanz der Energiewende gezogen: Die Erlösung ist verdammt teuer. Bund und Verbraucher haben die vergangenen fünf Jahre 160 Milliarden Euro dafür ausgegeben, 2017 waren es 34 Milliarden Euro, wovon allein 24 Milliarden auf die bereits erwähnte Umlage entfielen, die ein jeder via Strompreis zu zahlen hat.

Nun käme kaum jemand auf die Idee, einen Politiker wie Hermann Scheer, einen radikalen Verfechter und Vordenker des kompromisslosen und möglichst schnellen Umstiegs auf erneuerbare Energien für gefährlich oder gar totalitär zu halten. Weder er noch irgendein anderer Anhänger der Energiewende würde schließlich Oppositionelle an die Wand stellen. Das ist aber auch nicht der Kern totalitärer Politik.

Anmaßung

Was die Energiewende von der Eurorettung, der Flüchtlingspolitik  oder – um etwas weniger umstrittene Themen zu wählen – der Pflegereform und der Naturschutznovelle unterscheidet, ist ihre Radikalität, die sich aus der Anmaßung ihrer Schöpfer ergibt. Der Anspruch, ein Problem ein für allemal zu lösen, ist der Kern des Totalitären. Ging es um Energieerzeugung, war das schon immer zu besichtigen. Jeder kennt die Behauptung, dass die Atomkraft selbst dann ethisch nicht vertretbar sei, wenn Kernkraftwerke nicht nur mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ungefährlich seien, sondern sogar zu einhundert Prozent sicher. Denn, so die Gegner der Technologie, auch dann bliebe die Frage der Abfallentsorgung offen, womit wir uns an unseren Kindern und Kindeskindern versündigen würden.

Das ist kompletter Unfug. Denn wir hinterlassen unseren Kindern auch mit Staatsschulden, einer maroden Infrastruktur und einer in den Parlamenten etablierten AfD Altlasten, die beim besten Willen nicht als Ruhmestaten angesehen werden können. Warum aber gelten diese Dinge als weniger schrecklich als das Management eines Abklingbeckens für Atombrennstäbe, das kaum mehr als eine simple Aufgabe für ein paar Ingenieure ist? Und warum wird außerdem nicht im gleichen Atemzug erwähnt, dass Endlager auch schon heute betrieben werden könnten, wenn nicht jede hysterische Bürgerinitiative in der Nähe eines Salzstocks ein effektives politisches Hindernis darstellen würde – wohlgemerkt: politisch und nicht physikalisch.

Utopisten brauchen die Angst wie die gut schmeckende Cola den Zucker. Sie beziehen ihren Erfolg nicht aus der Kraft des Arguments, sondern aus ihren gruselig wohligen Apokalypsen. Das sollten wir alle vor Augen haben, wenn jetzt Agrarwende gerufen und die Gentechnik gemeint ist. Schauen Sie hin! Alle dann folgenden Argumente zielen auf Ihre Angst. Und die ist bekanntlich nie ein guter Ratgeber. Sie nützt nur denen, die den sanften Charme des Totalitarismus als politisches Instrument erkannt und kultiviert haben.

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Journalist und Kolumnist, lebt und arbeitet in Berlin. Mitbegründer der Salonkolumnisten.