Isaac Newton (gemalt von Sir Godfrey Kneller, 1689) Public Domain

Wissenschaft im Zeitalter der (Post)moderne

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Ohne Naturwissenschaft keine moderne Gesellschaft und keine Demokratie. Diese Erkenntnis wollen heute weder Politik noch Medien wahrhaben. Zeit für ein paar Thesen und Fragen.

Unsere Gesellschaft ist technisch wie ökonomisch vollkommen abhängig von Wissenschaft: ohne Molekularbiologie keine moderne Medizin, ohne Gentechnik weder personalisierte Krebstherapie noch intelligente Pflanzenzucht, ohne Raumfahrt keine Klimaforschung, ohne Quantenphysik keine Mikroelektronik und kein GPS, ohne mathematische Erkenntnisse der Teilchenphysik keine Sensoren in der Medizin, ohne Atomreaktoren keine Nuklearmedizin, ohne Chemie kein Umweltschutz und keine Landwirtschaft. Ohne Wissenschaft werden wir nicht in der Lage sein, die zentralen Probleme zu lösen, die uns bevorstehen: eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, zu beherbergen, zu kleiden, mobil zu machen und medizinisch zu versorgen, ohne dabei den Verbrauch von Land, Bodenschätzen und Energie sowie den Ausstoß von Emissionen proportional zu steigern. Hinzu kommt, dass Wissenschaft beständig Grenzen verschiebt und moralische Positionen herausfordert – als Beispiel sei die Stammzell- und Embyronalforschung erwähnt, die u.a. herkömmliche Vorstellungen vom Beginn des menschlichen Lebens herausfordert.

Wissenschaft als Eckpfeiler der Demokratie

Doch Wissenschaft ist noch mehr: Am Beginn des modernen naturwissenschaftlichen Denkens stehen Demokrit bzw. Lukretius, der Demokrits Denken überlieferte und dessen Schriften Galileo, Kepler, Newton bis hin zu Einstein tief beeinflussten. Für Demokrit und Lukretius spielen Götter keine Rolle im Universum, es gibt keine Absicht und keinen Zweck in der Natur, keine kosmische Hierarchie, keine Unterschiede zwischen irdischen und himmlischen Sphären: „Einem weisen Mann steht die ganze Welt offen, weil die wahre Nation einer rechtschaffenen Seele das ganze Universum ist.“

Diese Vorstellungen haben auch die Begründer der modernen Demokratie in den USA stark geprägt, und daher beruht unsere Demokratie auf den zentralen Elementen Vernunft und Wissen, und eben nicht auf Glauben – auch wenn sie ihren Mitgliedern erlaubt, an Allah, Christus, Engelwesen oder Einhörner vom Aldebaran zu glauben. Demokratie gründet auf der zutiefst anti-autoritären, in der Vernunft begründeten Idee, dass alle Menschen gleich sind und dass Vernunft und Wissenschaft die Menschen von Vorurteilen und Aberglauben befreien können. Wissenschaft ist die DNA der Demokratie.

Doch trotz dieser eminenten Bedeutung spielen wissenschaftliche Themen im Wahlkampf westlicher Nationen gespenstischerweise seit Jahren gar keine Rolle mehr.

Postmoderne Verachtung

Die Ursache liegt auf der Hand: Wissenschaft ist in der Öffentlichkeit diskreditiert und zum Spielball von Partikularinteressen geworden. Rechts wie links wird wissenschaftlicher Konsens über wichtige Themen (von Klimaforschung über Evolution, Impfstoffe bis zur grünen Gentechnik) nur noch dann akzeptiert, wenn er die eigene politische Agenda stützt. Grüne und die zeitgenössische Linke berufen sich auf ihn, wenn es um den Klimawandel geht, akzeptieren ihn jedoch nicht, wenn es um Gentechnik in der Pflanzenzucht oder um Pestizide geht. Dann betreiben sie Cherry-Picking und berufen sich auf zweifelhafte Veröffentlichungen, die den Konsens bestreiten. Die gleiche Strategie betreiben Parteien und Interessengruppen, die den menschlichen Einfluss auf das Klima in Abrede stellen oder aus religiösen Gründen die Evolutionslehre in Zweifel ziehen.

In den Diskussionen über strittige Themen werden grundsätzlich keine Argumente mehr ausgetauscht, sondern es wird versucht, die jeweiligen Forscher bzw. Institutionen zu diskreditieren: X hat die Studien von Y benutzt oder für Z gearbeitet, also muss man sich mit seiner/ihrer Argumentation nicht auseinandersetzen.

Mehrere Jahrzehnte postmoderner Universitätserziehung haben damit ihren Niederschlag gefunden: Danach gibt es weder Wahrheiten noch Fakten, sondern jede wissenschaftliche Erkenntnis und jede wissenschaftliche Argumentation ist interessengeleitet, und jede Art der Welterklärung – ob magisch oder rational – zunächst einmal valide und gleichwertig. Selbst ein Fach wie Mathematik, bei dem es leicht wäre, Fakten zu prüfen, gilt manchen heute als suspekte, männlich dominierte Herrschaftswissenschaft, deren Erkenntnissen Mann bzw. Frau schon aus prinzipiellen Gründen misstrauen sollte. Mittlerweile wird an manchen sozialwissenschaftlichen Fakultäten sogar gelehrt, dass es nicht nur keine Wahrheiten gibt, sondern dass Naturwissenschaften und empirische Fakten Instrumente sind, die ein weißes, rassistisches Patriarchat geschaffen hat, um Minderheiten zu unterdrücken.

Mediale Verantwortungslosigkeit

Gestützt wird diese fatale Entwicklung durch Medien und Journalisten, die entweder das falsche Äquivalenzdenken der Postmoderne verinnerlicht haben oder sich als Sprachrohr von Aktivisten verstehen oder schlicht keine Ahnung von der Materie haben, über die sie schreiben: Ein Beitrag zum Thema Glyphosat oder Gentechnik lässt nur noch Gegner der Chemikalie oder Technologie zu Wort kommen („Grüner Journalismus“ wird inzwischen ganz offiziell an deutschen Universitäten gelehrt); ein Beitrag zum Thema Impfen bildet ein Pro und Contra ab, bei dem die Aussage eines Wissenschaftlers, der 30 Jahre Veröffentlichung an Veröffentlichung zum Thema aneinander gereiht hat, der Aussage eines Prominenten gegenübergestellt wird, der das betreffende Thema von Anekdoten aus seinem Umfeld kennt und im Internet ein paar YouTube-Filme „recherchiert“ hat. Mitunter wird den Promis vollständig der Vorzug gegeben, weil ihr Unterhaltungs- und Glamour-Wert höher ist als der eines trocken argumentierenden Forschers. Ein Beitrag mit ausführlich begründeter Kritik durch Kinderärzte und Ernährungswissenschaftler an der veganen Ernährung von stillenden Müttern und Säuglingen kann nicht erscheinen, ohne dass am Ende eine vegan lebende Kochbuchautorin doch noch widersprechen und ein paar Tipps für vegane Säuglingsernährung abgeben darf.

Der Glaube von großen Teilen der Bevölkerung an offensichtlichen Unsinn wie Wasseradern, informiertes Wasser oder Astrologie gilt als Begründung dafür, dass den kruden Theorien Platz in der Berichterstattung eingeräumt wird. Alternativmedizin, Esoterik, New Age und Wissenschaft gelten als gleichwertig, obwohl die drei erstgenannten bislang weder eine schlüssige Welterklärung noch irgendeine Technologie, Heilmethode oder belastbare Theorie hervorgebracht haben, die die Welt verändert hat. Insofern unterscheiden sich Journalisten, die solche Gedankenarmut an den Tag legen, in ihrer Logik wenig von Islamisten, die die neueste Technologie der Ungläubigen nutzen, um ihre Auffassung, westliche Bildung sei Sünde, in der Welt zu verbreiten.

Verstärkt wird diese Situation durch das Schwinden des Wissenschaftsjournalismus, weil Fachkräfte mit naturwissenschaftlicher Ausbildung und entsprechenden Netzwerken, die ihnen die Einordnung vermeintlicher Sensationen ermöglichen, durch Billigkräfte ersetzt werden, die keine Ahnung davon haben, wie Wissenschaft funktioniert. Wissenschaft ist nämlich nicht die Suche nach einem Kompromiss zwischen widerstreitenden Ideen, sondern nach Wahrheit: Ob die Erde kugelförmig oder flach ist, lässt sich objektiv feststellen – für die heutigen Medien bestünde der Kompromiss, der beide Positionen fair abbildet, vermutlich in einer gebeulten Scheibe.

Es gibt keine Fakten mehr

Wahrheiten aber existieren in diesem medialen Kosmos nicht mehr, nur noch Kontroversen, Meinungen und Agenden. Insofern läuft Kritik an den Medien wegen falscher Darstellung von Fakten bereits ins Leere: Sie wird dort gar nicht mehr verstanden, weil schon die Vorstellung, es könne gesicherte Fakten geben, Kopfschütteln hervorruft. Empirische Fakten gelten als antiquierte Vorstellung aus dem vorigen Jahrhundert oder gleich als Teil einer finsteren Agenda von Rassisten, Kapitalisten und Knechten eines zu verachtenden wissenschaftlich-industriellen Komplexes.

Medienpopulismus der Politik

Wie verhalten sich Politiker zur Wissenschaft? Opportunistisch. Das haben die vergangenen Jahre gezeigt. Politik folgt den Medien. Gilt ein Thema medial als „umstritten“, laviert die Politik – egal, ob es um Atomenergie, Gentechnik, Homöopathie, Impfen oder andere Themen geht. Überwiegen die kritischen Stimmen, wähnt die Politik sich mit der Anlehnung der jeweiligen wissenschaftlichen Erkenntnis oder Technologie auf der sicheren Seite, weil sie der Überzeugung ist, dass dies Zustimmung und damit Wählerstimmen garantiert. So ist in den vergangenen Jahren zu beobachten, dass es den meisten Parteien gar nicht mehr darum geht, über das Für und Wider von Gentechnik, Pestiziden, Atomtechnologie, Verbrennungsmotoren oder den Verbrauch von fossiler Energie zu diskutieren, sondern nur noch darum, wessen Verbote schneller oder weiter greifen. Ist ein Thema medial mehrheitlich nicht umstritten – wie z. B. die Aufnahme von Flüchtlingen oder die Bekämpfung des Klimawandel – ist die Politik durchaus in der Lage, skeptischen Stimmungen in der Bevölkerung entgegenzutreten.

Politik drängt Wissenschaft aber auch im Kernbereich der Erziehung zurück. Klassische naturwissenschaftliche Fächer werden in einzelnen Bundesländern zugunsten von übergeifenden Fächern wie Naturwissenschaft, Naturphänomene, Umwelterziehung oder Umweltbildung aufgelöst, die Naturwissenschaften (umwelt)politsche betrachten, aber kaum noch physikalische, chemische oder biologische Grundkenntnisse vermitteln. Schulbücher indoktrinieren gegen Gentechnik, Atomenergie, Embryo/Stammzellforschung und andere „umstrittene“ Techniken, Schülern werden praktische Erfahrungen mit der modernen Molekularbiologie verwehrt, da das der „Akzeptanzbeschaffung der Gentechnik“ diene.

Fragen

Aus all dem folgt, dass allen Kandidatinnen und Kandidaten für den Bundestag dringend einige Frage gestellt werden sollten:

  1. Erziehung und Innovation: Sollte die Evolutionslehre in der Schule gelehrt werden und, wenn ja, sollten parallel auch religiöse Lehren über den Ursprung des Lebens und der Menschheit gelehrt werden? Sollte der klassische naturwissenschaftliche Fächerkanon in den Schulen behalten oder sollte er zugunsten von Umwelterziehung aufgehoben werden?
  2. Forschung und Innovation: Sollten die Ausgaben für Grundlagenforschung erhöht werden? Auf welchen innovativen Gebieten besteht in Deutschland Ihrer Meinung nach Nachholbedarf? Wie stehen Sie zur steuerlichen Förderung von innovativen Unternehmen?
  3. Klima: Wie kann der CO2-Ausstoß Deutschlands verringert werden, ohne gleichzeitig eine zuverlässige Energieversorgung zu gefährden?
  4. Gesundheit: Halten Sie Impfungen für eine wichtige präventivmedizinische Maßnahme? Sind Sie der Auffassung, dass Impfungen schwer wiegende Nebenwirkungen wie Autismus verursachen? Wie stehen Sie zur MMR- und zur HPV-Impfung? Sollten bestimmte Impfungen verpflichtend werden?
  5. Pandemien: Was sollte Ihrer Meinung nach getan werden, um die Entstehung von Pandemien effizient erkennen und bekämpfen zu können? Welche Maßnahmen sollten ergriffen werden, um Antibiotikaresistenzen und multiresistente Keime zu bekämpfen und neue Antibiotika zu entwickeln?
  6. Landwirtschaft: Halten Sie es für möglich, in der Landwirtschaft komplett auf Pestizide, Gentechnik und andere moderne Technologie zu verzichten? Falls ja, auf welche Untersuchungen stützten Sie sich dabei?
  7. Grüne Gentechnik: Wie stehen Sie zu modernen Methoden der Pflanzenzüchtung (Einführung von Transgenen, Gene Editing, …)? Halten sie die Sicherheitsforschung der letzten 25 Jahre in Sachen Grüne Gentechnik für ausreichend?
  8. Tierversuche: Halten Sie Tierversuche für notwendig, um neue Medikamente und Impfstoffe zu entwickeln? Falls nein, welche Alternativen schlagen Sie vor, um Sicherheit und Verträglichkeit neuer Wirkstoffkandidaten vor Versuchen an Menschen abzuschätzen?
  9. Stammzellen: Wie ist Ihre Haltung zu Stammzell- und Embryoforschung? Was sollte in Deutschland erlaubt und was verboten werden?
  10. Künstliche Intelligenz: Sollte die Entwicklung und Einführung künstlicher Intelligenz kritisch evaluiert werden? Welche Fragen stehen bei Ihnen im Vordergrund?
  11. Atomforschung: Lehnen Sie Atomkraft auch dann noch ab, wenn Reaktordesigns entwickelt werden, die Kernschmelzen und den Anfall von Jahrtausende strahlenden radioaktiven Müll ausschließen? Sollten deutsche Forschungseinrichtungen und Firmen weiter an neuen Reaktordesigns und an der Kernfusion forschen?
  12. Weltraum: Sollte Deutschland mehr Geld für die (bemannte) Weltraumforschung ausgeben? Wenn ja, auf welchen Gebieten? Wenn nein, warum nicht? Sollten wir zum Mars fliegen?

Alle 12 Fragen (die Liste ist keineswegs vollständig) beziehen sich auf wichtige Weichenstellungen für unsere unmittelbare und fernere Zukunft. Von ihrer Beantwortung wird es abhängen, ob Deutschland für die kommenden Herausforderungen gerüstet ist oder ob wir weitere Technologien und Forscher aus dem Land drängen und die Ergebnisse wissenschaftlicher Erkenntnis in Zukunft noch verstärkter importieren müssen.




Schreibt seit den 1980er Jahren über Wissenschaft, vorwiegend Gen- und Biotechnologie. Davor forschte er als Molekularbiologe an der Universität Bremen. 2006 gehörte er zu den Gründern von akampion, das innovative Unternehmen bei ihrer Kommunikation berät. 2017 erschienen seine Wissenschaftsthriller "Oligo" und "Vironymous" bei Piper Fahrenheit. Ludger Weß kommentiert hier privat.


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