Forschen gegen Corona

Zehn Tage nach der Impfung: Alles gut.

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Vor zehn Tagen habe ich die Biontech-Impfung gegen SARS-CoV-2 erhalten. In meinem Impftagebuch berichte ich, wie es mir nach der Impfung geht. Inzwischen habe ich sogar selbst Menschen geimpft.

Am 29. Dezember habe ich die erste Impfdosis des Biontech-Impfstoffs erhalten – weil ich aktuell als Medizinstudentin im Praktischen Jahr auf einer COVID-19-Station eingeteilt bin. Nach der Impfung hatte ich nur minimale Nebenwirkungen, etwa hat mein Arm am nächsten Tag ein bisschen wehgetan. Ich habe für die Salonkolumnisten ausführlich über meine Symptome berichtet.

Inzwischen sind 10 Tage vergangen. Ich hatte keine Beschwerden mehr und mir sind noch keine Spikes aus dem Kopf gewachsen. Die einzige Nebenwirkung, vor der ich Angst hatte, war eine allergische Reaktion. Diese Nebenwirkung ist nicht aufgetreten – und da bin ich nicht allein. Die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC hat ausgewertet, wie oft es nach den knapp 1,9 Millionen bisher in den USA verabreichten Biontech-Impfungen zu schweren allergischen Reaktionen gekommen ist. Die Antwort ist: 21 mal.

Warum ich nicht mit Spätfolgen rechne

Dass ich zehn Tage nach der Impfung keine Beschwerden habe, überrascht mich nicht. Ich rechne nicht mit zeitlich verzögerten Symptomen nach der Impfung. Das hat mehrere Gründe. Die geimpfte mRNA wird von Muskelzellen aufgenommen und in Virusprotein übersetzt, das dem Immunsystem auf der Zelloberfläche präsentiert wird. Die mRNA wird in den Zellen bald wieder abgebaut, wird nicht in den Zellen gespeichert, bei der Zellteilung nicht vermehrt und breitet sich nicht im ganzen Körper aus. Der Impfstoff wird in unserem Körper außerdem nicht verstoffwechselt, anders als viele Medikamente, die in der Leber in andere Stoffe verwandelt werden. Der Impfstoff reichert sich auch nicht im Körper an, so wie es etwa Medikamente tun können, die wir öfter einnehmen. Sprich: Relativ kurz nach der Impfung ist der Impfstoff wieder aus meinem Körper verschwunden.

Das schlimmste, das abgesehen von einer akuten allergischen Reaktion nach einer Impfung passieren kann – und zwar bei jeder Impfung, egal welcher –, ist eine überschießende Reaktion des Immunsystems. Durch eine Impfung wird das Immunsystem „getriggert“ – in sehr seltenen Fällen schaltet es sich danach nicht mehr ausreichend ab und greift den eigenen Körper an. Es gibt Menschen, die eine Veranlagung für solche autoimmunen Reaktionen haben. Deren Immunsystem kann durch alle möglichen äußeren Einflüsse zur Überreaktion angetrieben werden, auch durch Infekte. Wenn eine Autoimmunerkrankung nach einer Impfung auftritt, ist eine Kausalität nicht bewiesen. Selbst wenn sie es wäre, wäre die Impfung eher ein Auslöser der Reaktion, nicht aber die Ursache der Veranlagung.

Warum ich mehr Angst vor der RNA des Virus als der RNA in der Impfung habe

Tatsächlich habe ich viel mehr Angst vor der RNA von SARS-CoV-2, also Corona, als vor der RNA im Impfstoff.  SARS-CoV-2 schleust seine RNA in unsere Zellen ein und missbraucht sie als Fabriken. Unsere Zellen übersetzen die virale RNA in Virusbausteine, setzen die Bausteine zusammen und schleusen dann neues Virus aus. Das Virus kann sich überall im Körper ausbreiten und viele verschiedene Arten von Zellen befallen. Etwa in der Lunge und in Blutgefäßen, aber auch in Nervenzellen oder sogar Zellen im Hoden. Das Virus und die Immunreaktion auf die Virusinfektion können massive Schäden im Körper anrichten, etwa zu schweren Lungenentzündungen bis zum Lungenversagen oder zu Lungenembolien führen. Der Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns, über den viele Patienten berichten, zeigt, dass auch Nervenzellen betroffen sind. Über sie kann das Virus sogar ins Hirn eindringen.

Die Impfung funktioniert zwar ähnlich wie eine Virusinfektion. Auch sie schleust RNA in unsere Zellen ein, die daraus dann Virusproteine herstellen. Allerdings gibt es gravierende Unterschiede. Sie enthält nur die Bauanleitung (RNA) für Teile des Virus. Die Zellen, die die RNA aufnehmen, stellen also kein ganzes Virus her und schleusen keines in den Körper aus. Auch breitet sich die Impfung nicht im ganzen Körper aus oder lässt uns für andere ansteckend werden. Das Immunsystem lernt, sich gegen das Virus zu wehren, ohne die Virusinfektion durchmachen zu müssen. Deshalb fallen die Nebenwirkungen der Impfung schwächer als die Nebenwirkungen der Infektion aus.

Ich habe andere gegen SARS-CoV-2 geimpft

Inzwischen habe ich sogar andere Menschen gegen SARS-CoV-2 geimpft. Am Klinikum habe ich geholfen Mitarbeiter zu impfen. Hier konnte ich beobachten, wie andere akut auf die Impfung reagieren. Ihnen erging es so wie mir. Sie hatten keine akuten Beschwerden und haben die Injektion kaum gespürt. In unserem Haus sind inzwischen schon mehr als 1000 Mitarbeiter geimpft worden.

Nächstes Update nach zweiter Dosis

In der Zulassungsstudie des Biontech-Impfstoffs hatten die Probanden 12 Tage nach der ersten Impfdosis 80 Prozent Schutz und sieben Tage nach der zweiten Dosis 95 Prozent. In knappen zwei Wochen erhalte ich die zweite Dosis des Impfstoffs. Auch danach werde ich über meine Symptome/Beschwerden berichten und erzählen, wie ich mit meiner vermutlichen Immunität umgehen werde.

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Marisa Kurz, Jahrgang 1988, lebt in München. Sie hat ein Studium der Biochemie mit Nebenfach Virologie (M. Sc., B. Sc.) und ein Studium der Philosophie mit Nebenfach Sprache, Literatur und Kultur (B. A.) abgeschlossen. Aktuell studiert sie Humanmedizin, schließt ihr Studium Ende 2021 ab und strebt eine Weiterbildung zur Onkologin an. Sie promoviert in der Krebsforschung zu Immuncheckpoints bei Lungenkrebs und arbeitet außerdem an einem medizinethischen Forschungsprojekt. Von 2014-2020 war sie als wissenschaftliche Hilfskraft an verschiedenen Forschungseinrichtungen in München tätig. Aktuell befindet sie sich im Praktischen Jahr des Medizinstudiums. Neben dem Studium schreibt sie unter anderem für den Georg-Thieme Verlag. (Foto: Thorsten Meyer)