Natürlich blond

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Die AfD warnt vor den „Spannungen der multikulturellen westdeutschen Gesellschaft“ – und offenbart dabei eine geistige Beschränktheit, die sich nur unzureichend auf den übermäßigen Konsum von Rotkäppchen-Sekt zurückführen lässt.

Dass man mit übertrieben intellektuellem Auftreten keine Wahlen gewinnt, mit einem Appell an die niedersten Instinkte des Publikums dagegen tendenziell schon, wissen wir seit 2016. Der Erfolg von Donald Trump ging – und geht – schließlich zum Gutteil darauf zurück, wie ostentativ er sich über Benimmregeln hinwegsetzte und mit welch infantiler Hingabe er seinen inneren Schweinehund von der Leine ließ. Fakten stören da nur.

In Deutschland sind wir noch nicht ganz so weit. Hierzulande gilt: Appearances matter, wie schon die Nazis wussten. Die dachten sich in den Lagern für jedes Opfer eigene Todesursachen aus, um den bürokratischen (Toten-)Schein zu wahren. Fakten galten nichts, ihre Vorspiegelung dagegen alles.

Hier kommt nun die AfD ins Spiel. Die hat keinen Massenmord auf dem Konto, auch wenn sie sich vom letzten offenkundig nicht so recht distanzieren mag, aber im kreativen Ausgestalten halbfertiger Tatsachen macht auch ihr keiner was vor. Das bewies am Montag sehr eindrucksvoll die thüringische Landtagsfraktion, die auf Facebook mit einer Kachel von sich malerisch in den Sonnenaufgang schmiegenden generischen Altstadttürmchen feierte: „Ostdeutsche kehren zurück!“

Damit war man schon zum wahren Kern der Meldung vorgedrungen, denn tatsächlich hatte das (wohl aus Gründen der Alliteration) in Leipzig ansässige Leibniz-Institut für Länderkunde Ende letzter Woche eine Studie vorgestellt, der zufolge sich der „Trend zur Rückkehr von Ostdeutschen in ihre einstigen Wohnorte“ weiter verfestige. Als Ursache hatten die Forscher die verbesserte Arbeitsmarktsituation genannt ebenso wie die „Rückwanderung in soziale Netze wie Familie“.

„Problematische Umstände in Westdeutschland“

Also nur Verwandte und Jobs? Mit dieser plumpen Nebelkerze der Leipziger Eierköpfe waren die pfiffigen Thüringer AfD-Abgeordneten nicht hinters Licht zu führen. Sie kannten die wahren Ursachen des Rückkehrtrends: die „problematischen Umstände in Westdeutschland“. Dort sei nämlich „das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen“ besonders in den Großstädten ein enormes Problem, was viele dazu verleitet habe, „abseits der westdeutschen Schmelztiegel (sic!)“ ihr Glück im Osten zu suchen. Und damit das auch so bleibt, setze die thüringische AfD sich dafür ein, „dass die Spannungen der multikulturellen westdeutschen Gesellschaft sich nicht auf Ostdeutschland ausweiten.“

Es läge nahe, den Post auf den übermäßigen Konsum von Rotkäppchen-Sekt zurückzuführen, doch greift diese Erklärung leider zu kurz. Die traurige Wahrheit ist wohl lediglich, dass die AfD-Abgeordneten ihre Wählerschaft für so dumm halten, wie sie selbst es sind. Das wiederum grenzt auch in einer freiheitlichen Demokratie an justiziable Beleidigung.

Denn klar, die Ostdeutschen „kehren zurück“. Sie tun dies aber, weil in den neuen Ländern inzwischen gute wirtschaftliche Bedingungen herrschen. Die wiederum sind eine Folge der unvorstellbaren Summen, mit denen unsere Brüder und Schwestern in den Westzonen nach 1990 – erfolgreich – die rauchenden Trümmer der jahrzehntelangen DDR-Misswirtschaft abgelöscht hatten. Damals, als die AfD noch Quark im Schaufenster war.

Und auch wenn heute im Landkreis Eichsfeld die Arbeitslosenquote unter vier Prozent liegt, so zieht es doch nur wenige „Rückkehrer“ oder Zuzügler in Orte wie Heilbad Heiligenstadt und weit mehr in die ostdeutschen Schmelztiegel wie Leipzig. Dessen Stellung als kulturell herausragende und wirtschaftlich aufstrebende Stadt verdankt sich denn auch weniger ethnischer Homogenität oder einer besonders facebookkachelkompatiblen Altstadt. Nein, dass Leipzig heute überhaupt wieder auf den Radarschirmen auftaucht, ist Folge einer Eigenschaft, die das genaue Gegenteil der von der AfD so brachial appropriierten DDR-Identität darstellt und die Leipzig genau wie andere Städte im Osten sich überaus mühsam zurückerkämpfen musste: Internationalität. Das kosmopolitische Flair, das Städte wie Leipzig, Jena, Potsdam, Erfurt und, ja, auch Dresden heute mindestens abschnittsweise wieder durchweht, ist die auf kommunale Ebene heruntergebrochene Variation der gesellschaftlichen Öffnung, in die die gesamte ehemalige DDR mit dem Ende ihres gemischten Geschäftsmodells aus wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Unterdrückung hineingezwungen wurde – sehr wohl zu ihrem eigenen Besten. Der Erfolg wenigstens der großen Städte ergibt sich dementsprechend auch nicht daraus, dass sie ethnisch blütenweiß geblieben wären, sondern ist eine Folge der konstruktiven Reibungen, die ein gesteigertes Maß an Vielfalt bekanntermaßen mit sich bringt.

Intellektueller Horizont der Beteiligten

Dass die AfD hier mal wieder nur den Weg in die Gesetzlosigkeit erkennen kann, ist angesichts des schmalen intellektuellen Horizontes ihrer Protagonisten kein Wunder. Aber auch, wenn die AfD es sich nicht vorstellen kann: Es gibt durchaus einen Mittelweg zwischen faschistischer Ethnodiktatur und rechtsfreiem Multikulti, zwischen Pjöngjang und Banlieue. Und seltsamerweise reihen sich just entlang dieses Mittelweges all die Metropolen auf, deren Namen im Allgemeinen nicht in ZEIT-Leitartikeln zu Landflucht, Fremdenfeindlichkeit und selbstmitleidiger Selbstüberhöhung genannt werden, sondern eher in der Wirtschaftswoche oder dem New Yorker.

Der Erfolg ist, da kann die AfD sich auf den Kopf stellen, international. Ja, es ist so einfach! Die Schaufenster der Luxusboutiquen in der Münchner Innenstadt verweisen auf Filialen in Sydney, Zürich, London und New York und nicht in Niesky, Sangerhausen oder Greiz. (Leipzig liest man dort übrigens schon öfter.)

Wer sich nun durch all diese Sedimente der Dummheit gearbeitet hat, stößt schließlich auf Bosheit als Nukleus der „alternativen“ Motivation. Denn was bewirken solche, eine wirr zusammenimaginierte „Ostidentität“ abfeiernde Posts anderes, als dass Deutsche sich auch heute, im Jahr 28 nach der Wiedervereinigung, noch immer zuvörderst als „Ossis“ oder „Wessis“ verstehen und damit alles hintertreiben, wofür die „Ossis“ damals unter Gefahren auf die Straße gegangen sind? Ist das der „Mut zu Deutschland“, von dem die Gaulands dieser Welt uns immer vorschwärmen?

Die AfD ist, das haben schon mehrere Kommentatoren zurecht festgestellt, eine Schande für Deutschland. Sie ist dies aufgrund der geistigen Beschränktheit ihres Programms, aufgrund der Lust, mit der sie bald nach ihrer Gründung den politisch-moralischen Grundkonsens der Bundesrepublik über Bord geworfen hat, sie ist es aufgrund ihrer Xenophobie, und sie ist es eben nicht zuletzt auch, weil sie – das verbindet sie mit der Linkspartei – die Emanzipation der Deutschen vom Trauma der jahrzehntelangen Teilung behindert. Tröstlich einzig, dass sie sich damit auch selbst ins Knie schießt. Unter dem entsprechenden Facebook-Post schreibt ein Kommentator ironisch: „Und das sagen Sie, mit 2 Westfalen an der Spitze? Nicht sonderlich glaubwürdig!“




Studierter Historiker aus München, leidenschaftlicher Kartensammler und im Brotberuf in der jüdischen Bildungsarbeit aktiv. Bestens vertraut mit der Rolle als liberaler Exot und Quotenkapitalist. Hier und bei den Ruhrbaronen schreibt er zu deutscher und amerikanischer Politik und Israel. Sein Motto: „Geheimratsecken wollen auch schön eingerichtet sein!“