Das geheime Leben der Worte und Ideen

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Die AfD wird in den kommenden Wochen wohl als Gewinner aus drei Landtagswahlen in Ostdeutschland hervorgehen. Warum ist das so? Der Versuch einer Erklärung.

Sie waren sehr genau, geradezu penibel: die Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, kurz „Stasi“ genannt. Vom 9. Oktober 1989, dem Tag der großen Leipziger Demonstration mit rund 70.000 Menschen, bis zum 9. November, dem Tag der Maueröffnung, sammelten sie bei Demonstrationen auf dem Gebiet der DDR rund 1.200 unterschiedliche Parolen von Bannern und Transparenten. Diese Parolen befinden sich, alle handgeschrieben, in einer Akte, die die Bundeszentrale für politische Bildung in einem Dossier zur friedlichen Revolution 1989 zugänglich gemacht hat. Interessant ist nicht nur die Vielzahl der Parolen, bemerkenswert sind auch die Schwerpunkte, die sich herauskristallisierten: Am häufigsten waren – ganz systemimmanent kleinteilig – die Forderungen nach einer Trennung von Staat und Partei, gefolgt von solchen nach einer Auflösung der Stasi. Am dritthäufigsten drückten die Parolen aber ein sehr direktes Gefühl aus: das des Misstrauens gegen Staat und Partei. Es geht um solche Parolen:

 

„Privilegierte aller Länder, beseitigt Euch!“

„Schmarotzern geht’s noch viel zu gut“

„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht“

„Neue Politik, die gleichen Lügner, Heuchler und Versager“

„Wir wollen Politiker und keine Wetterfahnen“

„Mißtrauen ist erste Bürgerpflicht“

„Eine Lüge tötet hundert Wahrheiten“

„Wer immer recht hat, hat unrecht“

„Belogen – Betrogen – Schluß damit!“

usw.

 

Wenn man sich diese Parolen anschaut, dann fällt einem auf, dass man sie leicht an die heutige Zeit anschließen könnte – einer Zeit voller Misstrauen, Lügen, Verschwörungsphantasien. Nun kann man einwenden, dass niemand, der halbwegs bei Verstand ist, behaupten würde, dass die demokratisch gewählte und liberale Regierung Angela Merkels irgendetwas gemein hat mit dem verknöcherten, nie in freien Wahlen bestimmten, repressiven Zentralkomitee unter Erich Honecker oder Egon Krenz. Und deshalb könnte man auch nicht solch einen Empörungsgestus aus der DDR ohne großen Sinnverlust in das heutige Deutschland transferieren. Allein – es geht, es geschieht, und es funktioniert (siehe als Beispiel das Foto oben). Die AfD ist groß darin, eine mentale, geradezu nostalgische Grundeinstellung vieler Ostdeutscher anzusprechen, ohne Zweifel an der Plausibilität der Worte bei den Adressaten aufkommen zu lassen. Aber ist das wirklich so ungewöhnlich?

Phantasmagorien

Erinnern wir uns an die 1970er-Jahre, als die Rote Armee Fraktion und ihre Sympathisanten den Westdeutschen einreden wollten, die sozial-liberalen Regierungen Brandt und Schmidt seien mit dem Faschismus im Bunde, und es gelte, genau diesen durch Attentate gegen den Staat und seine Repräsentanten und Helfershelfer quasi „herauszukitzeln“. Wenn solche Phantasmagorien große Teile der westdeutschen Intellektuellen beherrschen konnten, wie sollte es uns da wundern, dass heute zwischen Honecker und Merkel keine Unterschiede gemacht werden? Zumal das Gefühl des Misstrauens gegen „die da oben“ in Worten und Parolen im ostdeutschen Gedächtnis abrufbereit liegen – sie brauchen quasi nur wiederbelebt werden.

Es ist der ewige Affekt gegen Eliten, der sich mit solchen Worten Luft und Ausdruck verschaffen kann. Dabei brauchen sie nicht wortwörtlich fröhliche Urständ feiern, sondern, wie gesagt, ein diffuses Unbehagen kann, aus dem alten Zusammenhang gerissen, abgerufen werden in ebenso prägnanten, aktualisierten Varianten, die den ostdeutschen Triggerpunkt treffen: das immer noch lebendige Misstrauen gegen Regierende, Bosse und Leute, die den Ton angeben in Wissenschaft, in alten und neuen Medien, die einem angeblich ein X für ein U vormachen wollen. So überlagern sich vierzig Jahre DDR mit dreißig Jahren BRD, da wird kein Unterschied gemacht bei Groll und Verdruss, dem prägenden Gefühl. Und die AfD weiß diese Art des politischen Ressentiments erfolgreich zu aktivieren, indem sie eine gemeinsame Sprache imitiert und pflegt, ein gemeinsames Vokabular. Das ist ein Grund für den Erfolg der AfD. Gibt es Gegenmittel? Bislang keine.

DIE ZORNBANK

Es ist ein mühseliges, ja, vergebliches Unterfangen, die Berechtigung von Groll und Verdruss prüfen zu wollen. Ängste und das Gefühl, abgehängt worden zu sein, sind für gewöhnlich die ersten Erklärungen dafür, dass die AfD von so großen Teilen der Bevölkerung Ostdeutschlands gewählt wird. Nur leben in Wirklichkeit wahrscheinlich nur wenige dieser Wähler in Angst (höchstens vor dem Wolf im nahen Wald), und die meisten sind nicht abgehängt. Trotzdem ist die AfD in nur wenigen Jahren zu einer jener „Zornbanken“, wie Peter Sloterdijk sie nennt, herangewachsen, die mit Leidenschaften im Internet und auf der Straße Geschäfte macht und dazu noch Rendite wie Zinsen auszahlen kann. Denn ihre Mitglieder bringt sie in lukrative Ämter, und den Wählern zahlt sie Rendite durch Anerkennung: Den lange Zeit Stummen und Ungehörten gibt sie eine Stimme, den gefühlt Ohnmächtigen ein Gefühl von Macht, die Überforderten kriegen scheinbar Hilfe, indem man ihnen zuhört und im Gegenzug ein Gute-Nacht-Märchen erzählt. Für eine bestimmte Klientel scheint die Investition in die AfD daher lukrativ, auch wenn sie sich letztlich für die meisten gar nicht auszahlt.

Doch diese negative Leidenschaft gedeiht als Gerücht über den Anderen. Das sind – neben den Eliten – die Andersdenkenden oder die Fremden. Daher ist das Ressentiment zum Markenkern der AfD geworden: Es ist preiswert. Es nährt sich aus wiederkehrenden schrecklichen Nachrichten und aus Widersprüchen, die niemand auflösen kann. Es wärmt wie ein Feuer, wenn der eisige Wind kalter Rationalität weht.

IMMER DIESE MODERNE

Seit es die Moderne gibt, wird sie begleitet von ihrer kleinen, aber rabiaten Schwester: der Anti-Moderne. Es waren Karl Marx und Friedrich Engels, die das in ihrem Manifest  beispielsweise beschrieben haben, indem sie zunächst den Bourgeois als das revolutionäre Subjekt par excellence durch die Aufzählung seiner Taten feierten (bevor es ihm danach als Klassenfeind an den Kragen gehen sollte). Die Bourgeoisie habe zwar alle feudalen und patriarchalischen Verhältnisse zerstört, „die Produktion und Konsumption aller Länder kosmopolitisch gestaltet“,das Land der Herrschaft der Stadt unterworfen und „so einen bedeutenden Teil der Bevölkerung dem Idiotismus des Landlebens entrissen“. Jedoch gebe es Kräfte, die nicht revolutionär, sondern konservativ seien. „Noch mehr, sie sind reaktionär, sie suchen das Rad der Geschichte zurückzudrehen.“

Das Unbehagen an der Moderne, in der alles „Ständische und Stehende verdampft“, fußt im Osten Deutschlands nicht auf der Trauer über den verstorbenen Gott – der ist durch den Marxismus-Leninismus der DDR weitflächig abserviert worden –, sondern auf der Trauer über eine verendete Zeit, die vom rasanten, sich noch beschleunigenden Tempo der Veränderungen, der unaufhörlichen Modernisierungen, auf die niemand vorbereitet sein kann, hinweggefegt wird. Während sich die Westdeutschen nach den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs allmählich daran gewöhnen und die Vergangenheit mit einer Flucht in die Zukunft verdrängen konnten, fielen die Ostdeutschen über Nacht in die Sitze des Achterbahnkapitalismus und rangen um Luft. Da ist es nachvollziehbar, dass sich viele Menschen von diesem Tempo schlichtweg überfordert fühlen. Zwar bieten die moderne Welt und eine offene Gesellschaft eine Vielzahl von Lebenschancen, von befreienden Möglichkeiten neben sozialen Absicherungen, aber als Nebenprodukt ständig auch neue Zumutungen und Widersprüche. Es sind diese Zumutungen und Widersprüche, für die der Osten wegen der Meinungsführerschaft des Westens ein besonderes Sensorium, eine Empfindlichkeit entwickelt hat: Wenn der Braunkohletagebau in Brandenburg geschlossen werden soll, aber nur wenige Kilometer hinter der Grenze die Kohle weiterhin verfeuert wird; wenn der Hilfsarbeiter aus Jena kaum Rente bekommt, aber für die Betreuung eines unbegleiteten jungen Migranten jeden Monat etliche Tausend Euro zur Verfügung stehen; wenn arabische Clans mit schweren Karossen und ausgestrecktem Mittelfinger für die Polizei ihre „Stütze“ auf den Boulevards Berlins verfeuern, aber die Thematisierung dieses Umstands Rassismusvorwürfe zur Folge hat – dann erfordert dies alles unbedingt Klärungen und Stellungnahmen durch die Politik und andere Verantwortliche. Das ist natürlich mühsam, aber unumgänglich. Doch oft und lange ist es ausgeblieben.

Und dann sind auch noch Schuldzuweisungen dazu gekommen: Wer ständig in den Medien an eine „Klimaschuld“ beim Grillen mit mahnendem Zeigefinger wie Lehrer Lämpel erinnert und dann einen Atemzug später auch noch faktenfrei fordert, wegen einer „Kolonialschuld“ müsse man bis ans Ende aller Tage offene Grenzen akzeptieren, der bietet solch versierten Schulderlassern wie der AfD eine Steilvorlage, sich als politischer Erlöser von aller Schuld zu präsentieren.

Die AfD versteht es jedenfalls exzellent, solche unerklärten Zumutungen, Widersprüche und Schuldimperative für sich zu nutzen. Sie geriert sich dann als katechontische Hoffnung, als „Aufhalter“, als jemand, der die Moderne, den Aderlass von Traditionen, die Verluste, den Fortschritt, die Geschichte, das abendländische Schuldwachstum stoppen kann und der vermeintliche Fluchtwege aus der Realität kennt. Dieser Phantasie wird zu selten kompetent widersprochen und die Reparatur tatsächlich falscher Entwicklungen von den anderen politischen Parteien zu selten anvisiert.

BÖSES DENKEN

Der Kulturpessimismus, so stellten Fritz Stern und Ralf Dahrendorf schon vor Jahrzehnten fest, ist eine Geisteshaltung von Leuten, die sich keine Sorgen machen müssen. Vielleicht wollen sie auch einfach nur etwas Anderes. Warum überrascht es uns immer wieder, dass es auf dem Markt der politischen Weltanschauungen auch reaktionäre, ja, rechtsradikale Überzeugungen gibt? Auf den Prinzipien der Vernunft aufbauend und an die entsprechenden Verfahren und Institutionen glaubend, können wir nicht begreifen, dass man angesichts der Schlüsse, die man aus der deutschen Geschichte ziehen müsste, noch Sympathie für rechtsradikales Gedankengut aufbringt. – Es ist ja auch sonderbar.

Aber Ideen sind nun einmal ewig. Einmal in der Welt findet niemand mehr das Mittel, den Geist in die Flasche zurückzustopfen oder aus der Geschichte zu tilgen. Auch der Stalinismus, der Marxismus-Leninismus, der Anarchismus, der Islamismus – sie sind alle noch virulent und verführen tagtäglich Massen. Denn alle besitzen noch eine kaum erklärliche Strahlkraft aus Macht- und Heilsversprechen.

Und so ist auch bei der AfD alles ganz einfach und bedarf keiner magischen Kräfte: Sie spricht Leute an, die mit der modernen Vervielfältigung von Lebenschancen einfach nichts anfangen können, sie nicht benötigen, sie gar nicht wollen. Die heute überall aufdringlich gestellte Frage „In welcher Gesellschaft wollen wir leben?“ stellt sich der AfD-Wähler nicht – er weiß die Antwort längst: in einer einfacheren, homogeneren, überschaubareren, konfliktärmeren Gesellschaft. Und wahrscheinlich weiß er auch einen Moment zu nennen, an dem seine Gesellschaft mal so war. Vielleicht an einem Nachmittag im Sommer, draußen am See, es waren nicht viele Menschen da, und die da waren, die waren alle gut drauf, die meisten kannte man von irgendwo, leicht und ohne Arg gingen die Worte hin und her, man trank ein Bier und teilte mitgebrachte Würste, Käse und Brot. Und es war gut. Unvergesslich. So müsste es immer sein. Ist die Welt aber nicht. Doch auch die anderen Parteien sollten Träume haben, die man verstehen kann. Und die was mit dem richtigen Leben zu tun haben. Und einer gemeinsamen Zukunft.




Lektor und gelegentlich Autor