Benjamin Netanjahu en.kremlin.ru.

Hoffentlich hat er bald fertig

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Lange war Netanjahu der richtige Premier für Israel. Doch langsam reicht es.

Zionismus ist, wie der wunderbare Amos Oz sel. A. mal geschrieben hat, kein Eigen-, sondern ein Familienname. Soll heißen: Zionisten sind eine wild gemischte Gruppe, und sie waren es immer schon. Von Anfang an gab es unter ihnen Sozialisten und Bürgerliche, Liberale und Konservative, geschworene Laizisten und eine (wenn auch kleine) Gruppe von Religiösen, romantische Spinner und stocknüchterne Rationalisten – beziehungsweise alles dazwischen. Wahrscheinlich ist dieser bunte Pluralismus auch der Grund, warum Israel, entgegen allen Gesetzen der historischen Wahrscheinlichkeit, bis heute eine liberale Demokratie geblieben ist. Man bedenke: Ein Kleinstaat, der sein Überleben einem Zustand der ständigen militärischen Überwachheit verdankt; ein Land, in dem die ideologischen Gegensätze am Anfang so scharf waren, dass sie auch mit Waffen ausdiskutiert wurden (googeln Sie mal das Stichwort „Altalena“!); ein Gemeinwesen, in dem sich pro Quadratkilometer mehr traumatisierte Überlebende eines Genozids tummeln als irgendwo sonst auf der Welt – ein solcher Staat sollte eigentlich längst von einem General mit Sonnenbrille regiert werden. Dass es nie so weit gekommen ist, auch nicht in den Anfangsjahren des Staates, als Ben-Gurion noch von der „Diktatur des hebräischen Arbeiters“ schwafelte und die israelischen Araber unter Militärverwaltung stellen ließ, gehört zu den Wundern, die Israel zu einem so erstaunlichen Land machen.

Israel reichte die Hand

Natürlich war Zionismus nie Rassismus, wie die UNO in ihrer vielleicht schändlichsten Resolution behauptet hat  – verabschiedet unter einem Nazi namens Kurt Waldheim, den höchstwahrscheinlich die Sowjets erpresst haben. Die israelische Unabhängigkeitserklärung spricht davon, dass Israel seinen arabischen Nachbarn die Hand reichen wolle. Das war keine Phrase, und es war nicht nur die Haltung der linken Zionisten. Ze’ew Jabotinsky, der keine Illusionen hatte, dass die Araber je einen jüdischen Staat anerkennen würden, wenn sie nicht durch dessen militärische Übermacht dazu gezwungen würden, schrieb gleichwohl, dass in Israel gleiche Rechte herrschen sollten für „ha ben nozri, ha ben arawi we ha ben scheli“: also für den Sohn des Christen, den Sohn des Arabers und meinen Sohn.

Trotzdem hat es unter Zionisten immer auch Rassisten gegeben. Und es gab und gibt in der israelischen Demokratie autoritäre Tendenzen. (Warum auch nicht? Warum sollte Israel anders sein als, sagen wir, Ungarn, Frankreich oder Großbritannien?) Beides hat nun in der Person von Bibi Netanjahu zusammengefunden. Um es gleich zu sagen: Ich gehöre nicht zu den ewigen Bibi-Hassern. Ich stand Netanjahu bisher beinahe neutral gegenüber. Die Regierung, der er bis zu seiner letzten Wiederwahl angehörte, empfand ich nicht als besonders rechts, sondern eher als Regierung der nationalen Einheit, unter Ausschluss der Religiösen.

Doch diese neue Regierung Netanjahu ist ein ganz anderes Tier. Sie ist extremistisch. Netanjahus rassistische Äußerungen gegen Araber, von denen es viele gibt, gipfeln darin, dass er jetzt ganz offen das Bündnis mit den Kahanisten sucht. Rabbi Meir Kahane war ein – ich gebrauche das Wort mit Vorsicht – Neofaschist: Er glaubte, dass Demokratie und Judentum unvereinbar seien, Nichtjuden keine staatsbürgerlichen Rechte in Israel genießen und Araber vertrieben werden sollten. Wenn Benjamin Netanjahu sich mit rechtsextremen, autoritären Möchtegernführern wie Jair Bolsonaro und Viktor Orbán trifft (dessen Antisemitismus ihn offenbar kein kleines bisschen geniert); wenn er ein überlebensgroßes Plakat an einem Wolkenkratzer anbringt, auf dem er unter dem Slogan „Netanjahu spielt in einer anderen Liga“ die Hand von Donald Trump schüttelt, den leider viele Israelis als „gewer-gewer“, als richtigen Kerl also, verehren – dann ist das, fürchte ich, nicht taktisches Kalkül. Das ist ganz und gar echt. In dieser Gesellschaft fühlt Bibi Netanjahu sich wohl.

Auch die echten Freunde wenden sich ab

Hier in Amerika kursiert nun, kurz bevor Netanjahu sich bei der nächsten „AIPAC“-Konferenz an Amerikas Politiker wendet, ein Brief junger amerikanischer Juden, den man ernst nehmen sollte. Die Unterzeichner sind nämlich nicht die üblichen besorgten Israelfreunde, die in Wahrheit Israel noch nie ausstehen konnten. Es handelt sich vielmehr um junge amerikanische Juden aus allen möglichen politischen Organisationen, die seit Jahren gegen die antisemitische „BDS“-Kampagne ankämpfen. Sie sagen nun: Herr Premierminister, Sie machen es uns schwer. Wenn Sie sich nicht dafür aussprechen, dass Israel die Heimat aller Juden und aller Nichtjuden ist, die die israelische Staatsangehörigkeit besitzen; wenn sie sich nicht sonnenklar zu den Werten der liberalen Demokratie bekennen; wenn Sie sich mit der „Otzma Jehudith“-Partei zusammentun – dann haben wir in Diskussionen mit Leuten wie Ilhan Omar keinen Stich.

Selbstverständlich wird Netanjahu sich mit diesem Offen Brief den Tuches abwischen. Darum hoffe ich, dass die israelischen Wähler, vor allem aber die israelischen Wählerinnen ihm am 19. April einen kräftigen Tritt in eben jenen Tuches verpassen und an seiner Stelle Benny Gantz wählen werden. Außerdem hoffe ich, dass Netanjahu ebenso für seine korrupten Deals zur Rechenschaft gezogen wird wie seinerzeit Ehud Olmert. Natürlich löst das nicht die Probleme der Region – es wird die muslimischen Antisemiten nicht von ihrem Wahnsinnstrip erlösen, es wird das genozidale Regime in Syrien nicht zu Fall bringen, es wird weder die „Islamische Republik Iran“ noch Saudi-Arabien zu einem aufgeklärten Land machen. Es wird keinen einzigen radikalen Siedler dazu veranlassen, dass er sich eine Wohnung im Negev kauft. Aber es wäre immerhin ein Anfang.

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Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".