Harald Ebners Wahlplakat auf seinem Facebook-Account. Screenshot SK

Deutsche Insekten! Wählt grün!

Was der Eisbär für den Klimawandel, ist die Biene für den Kampf gegen die moderne Landwirtschaft – wenn es nach den Grünen geht. Sie mobilisieren mit dem deutschesten aller deutschen Insekten, um wieder in den Bundestag einzuziehen. Gern darf es dafür auch ein frei erfundenes Einstein-Zitat sein.

Kein anderes Tier rührt die romantische deutsche Volksseele so sehr an wie die Biene: fleißig und arbeitsam rackert sie sich von früh bis spät für ihre Gemeinschaft ab, und ohne zu zögern opfert sie ihr Leben, wenn es gilt, einen Feind – etwa ein fremdes Volk – abzuwehren. Kein Wunder, dass es ausgerechnet eine Biene war, die der deutsche Schriftsteller Waldemar Bonsel 1912 zur Hauptfigur seiner neo-romantischen Traum- und Wunschwelt machte, in der eine vermenschlichte Biene namens Maja allerlei Abenteuer erlebt und als Höhepunkt ihr Volk gegen den bevorstehenden Angriffskrieg der mörderischen Hornissen-Armee mobilisieren kann. Besonders pikant: Die Bienenkönigin schickt den Hornissen eine Botschaft, die in Teilen wortwörtlich mit der sogenannten „Hunnenrede“ von Kaiser Wilhelm II. aus dem Jahr 1900 übereinstimmt.

Da stört es wenig, wenn der Autor des Bestsellers glühender Antisemit, bekennender Nationalsozialist und Kriegspropagandist für die Wehrmacht war. Das Buch wird im Original zwar kaum noch gelesen, aber die weitergesponnenen Abenteuer der Biene wurden als Trickfilmserie gleich zweimal verfilmt (zuletzt 2016 in 3D), es gibt sie als Comicserie und als Kinofilm, die Biene wurde von Karel Gott besungen, man kann sie als Kuscheltier, Schlüsselanhänger, Puzzle, Teeservice und T-Shirt-Motiv kaufen.

Die Biene ist gut – so gut, dass sie jetzt auch den Grünen helfen soll, bei der nächsten Bundestagswahl erneut die 5-Prozent-Hürde zu nehmen.


Die Werbung mit der Biene bewegt sich allerdings auf dem Niveau der Altersgruppe, die mit Biene Maja schlafen geht. Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir fordert, grün zu wählen, „weil wir auch die parlamentarische Vertretung der #Bienen sind“, Grünen-MdB Harald Ebner behauptet auf Plakaten in seinem Wahlkreis, „Bienen würden Ebner wählen“ (s. Titelfoto) und Anton Hofreiter schreibt auf Facebook einen Satz, den er Albert Einstein zuschreibt, der aber seit Jahren als gefälschtes Zitat enttarnt ist: „„Wenn die Biene von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Keine Bienen-> keine Bestäubung -> keine Pflanzen -> keine Tiere -> keine Menschen.“ (Zitat Albert Einstein, 1949)“.

Screenshot SK

Der Verdacht, dass Einstein diesen Unsinn nie gesagt hat, bestand schon lange. Scott Debnam, Entomologe und Bienenforscher an der University of Montana, wandte sich 2007 schließlich an das Albert-Einstein-Archiv in Jerusalem und erhielt von dort die Auskunft: „Leider muss ich Sie darüber informieren, dass das Zitat, auf das Sie sich beziehen, nicht authentisch ist“ (Quelle, s.a. Foto).

E-Mail der Einstein Library an Scott Debnam Screenshot
Autor Garson O’Toole, der Sherlock Holmes der Zitatforschung und Betreiber der Webseite „QuoteInvestigator“, ist dem Ursprung von Zitat und Zuschreibung nachgegangen und fand, dass es zum ersten Mal 1941 in einer kanadischen Bienenzeitung auftauchte – als „wenn ich mich richtig erinnere, war es Einstein, der gesagt hat, …“ Die verschärfte Version des Satzes, in den der Fälscher die Frist von vier Jahren eingebaut hatte, um das angebliche Zitat noch dramatischer erscheinen zu lassen, erschien – diesmal mit der definitiven Behauptung, es sei von Einstein – erstmals im Mai 1965 in einer französischen Publikation.

Für deutsche Leser hat der Wissenschaftsjournalist Florian Freistetter den vermutlichen Ursprung des Zitats 2015 beschrieben.

Das alles hätte Hofreiter mühelos herausfinden können. Gibt man „Einstein Biene“ bei Google ein, erscheint Freistetters Beitrag über die Zitatfälschung als erster Treffer. Zudem ist Hofreiter studierter Biologe und müsste schon deswegen wissen, wie blödsinnig dieser Satz ist. Bereits im Grundstudium lernt jeder Biologiestudent, dass Getreidearten durch Wind bestäubt werden, und dass es neben der Honigbiene Hummeln, Schwebfliegen und zahlreiche andere Insekten gibt, die Blüten anfliegen – ganz zu schweigen von Kolibris und anderen exotischen Bestäubern. Auch geobotanische Grundkenntnisse schlägt Hofreiter in den Wind. Auf dem amerikanischen und australischen Kontinent gab es vor der Kolonialisierung durch die Europäer überhaupt keine Honigbienen. Die nordamerikanischen Ureinwohner nannten das ihnen bis dato unbekannte Insekt daher die „Fliege des Weißen Mannes“.

Varroa, Varroa, Varroa

Die Welt würde also mitnichten verhungern, wenn es keine Honigbienen mehr gäbe. Selbst in Europa wäre die Landwirtschaft ohne sie nicht am Ende. Natürlich wäre es nicht gut, wenn die Honigbiene ausstürbe. Sie wird vor allem im Obst- und im Rapsanbau in großem Stil durch Imker eingesetzt. Aber die Gefahr besteht überhaupt nicht – weder national noch international. In Deutschland halten Tausende von Züchtern die Zahl der Völker seit Jahren konstant (sie wächst sogar leicht, weil Imkerei von grünen Städtern als Hobby entdeckt wird) – und das trotz der Bedrohung durch die Varroa-Milbe, die Völker ohne Gegenmaßnahmen binnen kurzem zusammenbrechen lässt. Sie ist neben dem Befall mit bestimmten Viren auch der Hauptgrund für die Winterverluste, konstatiert die umfangreiche Langzeitstudie „Deutsches Bienenmonitoring“. So sagt dann auch Peter Rosenkranz, Varroaforscher an der Universität Hohenheim: „Der wichtigste Faktor ist Varroa, der zweitwichtigste Varroa, dann kommt Varroa, und dann noch ein paar andere Einflüsse wie Viren oder die Imker selbst.“

Der Grund: Die Varroamilbe ist ein Parasit, der ursprünglich nur die Östliche Honigbiene befiel; und dort ausschließlich die Larven von Drohnen. Zudem kann diese Art Parasiten erfolgreicher entfernen und stark befallene Drohnenlarven schlüpfen gar nicht erst aus. Dieser Status quo hat sich wohl in Jahrmillionen gemeinsamer Evolution entwickelt. Bei der europäischen Honigbeine hingegen befällt die Milbe alle Larven und erwachsene Bienen gleichermaßen.

Es geht um Pestizide

So kann sie sich ungestört vom Blut der Bienen und den Bienenlarven im Stock ernähren. Die befallenen Larven verlieren an Gewicht und sind beim Schlüpfen deutlich kleiner und weniger leistungsfähig. Befallene Tiere besitzen eine deutlich verkürzte Lebensspanne, haben schlechtere Lernleistungen und kehren häufiger nicht in den Stock zurück. Zudem übertragen die Milben Viren wie z. B. den Deformed Wing Virus, der zur Flügeldeformation führt. Von 18 Viren, die Honigbienen befallen, werden fünf nachweislich durch Varroamilben übertragen. Zudem lässt das durch den Milbenbefall geschädigte Immunsystem der Biene zuvor unterdrückte Krankheitserreger aufblühen. Das Volk kollabiert und wird von anderen, stärkeren Völkern ausgeraubt – für die Varroa-Milben eine großartige Gelegenheit, ein neues Volk zu infizieren.

Bleibt die Frage, warum sich die Grünen so für das braune deutsche Insekt engagieren, dass sie eine vermeintliche Bedrohung verkünden und mit frei erfundenen Zitaten dramatisieren. Die Antwort ist schnell gefunden. Es geht um die Pestizide der konventionellen Landwirtschaft, die die Grünen am liebsten verboten, zumindest aber besteuert sehen wollen. Seit Jahren bemühen sie sich daher, statt Milben und Viren Pestizide für die Probleme der Bienen verantwortlich zu machen. Die Argumentation ähnelt dem Versuch, nach einem ausgiebigen Gelage am nächsten Morgen den Kater darauf zurückzuführen, dass das Bier Spuren von Glyphosat enthalten haben könnte. An der grünen Angstkampagne ist also wieder einmal nichts dran. Es geht um nichts anderes als Lobbyismus für die Klientel, die den Grünen besonders am Herzen liegt: die bereits jetzt mit hohen Subventionen alimentierte Bio-Industrie und das gut verdienende grüne Bürgertum.

Update: Nach unserer Veröffentlichung hat Hofreiter sein Facebook-Post verändert. Das angebliche Einstein-Zitat ist weg.




Schreibt seit den 1980er Jahren über Wissenschaft, vorwiegend Gen- und Biotechnologie. Davor forschte er als Molekularbiologe an der Universität Bremen. 2006 gehörte er zu den Gründern von akampion, das innovative Unternehmen bei ihrer Kommunikation berät. 2017 erschienen seine Wissenschaftsthriller "Oligo" und "Vironymous" bei Piper Fahrenheit. Ludger Weß kommentiert hier privat.


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