Deutschland hat sich selbst ins Knie geschossen und wundert sich nun, dass es nicht mehr laufen kann. Wer hätte auch ahnen können, dass es eine schlechte Idee ist, sich auf einen größenwahnsinnigen Diktator als Krücke zu verlassen? Donald Trump hatte 2018 gewarnt, dass Deutschland sich bei seiner Energieversorgung durch den gleichzeitigen Ausstieg aus Kohle und Kernenergie von Russland abhängig mache. Damals hat der ehemalige Außenminister Heiko Maas (SPD) Trump dafür ausgelacht. Diese Abhängigkeit ist heute schmerzhaft zu spüren. Jetzt lacht niemand mehr.

Dass Deutschland 55 Prozent seines Erdgases aus Russland bezieht, ist auch ein Verdienst von Maas’ Parteikollegin Barbara Hendricks. Es war die ehemalige Bundesumweltministerin, die die deutsche Gasindustrie zu einem schleichenden Tod verurteilte. Laut der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) gibt es in Deutschland 320 bis 2030 Milliarden Kubikmeter Erdgas, das aus Schiefergesteinen gefördert werden könnte. Das ist das knapp Vierfache bis 26-Fache des deutschen Jahresverbrauchs. Die Berechnungen der GBR basieren auf geowissenschaftlichen Kenntnissen über bestimmte Ton-Gesteine, die viel organisches Material enthalten, aus dem bei den hohen Temperaturen in Tiefen von 1000 bis 5000 Metern Erdgas entstehen kann.

Doch das für die Förderung notwendige Verfahren, das Fracking, erklärte Hendricks zum Teufelszeug, zur „Hochrisikotechnologie“ – und setzte sich 2014, im Jahr der russischen Annexion der Krim, mit ihrem Vorschlag für ein Verbot durch.

Damit folgte sie dem Druck von Umweltverbänden und Bürgerinitiativen. Als der ehemalige NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen 2014 warnte, Russland würde verdeckt Anti-Fracking-Organisationen unterstützen, reagierten die Umweltschützer höhnisch oder empört. Zweieinhalb Jahre später zeigte sich, dass Rasmussens Verdacht alles andere als abwegig war. In einem Bericht über russische Aktivitäten während der US-Präsidentschaftswahlen von 2016 konstatierten die US-Geheimdienste, dass der Sender RT America Anti-Fracking-Sendungen verbreite, um der Konkurrenz von Gazprom zu schaden. Auch beim Impeachment-Prozess gegen Trump 2019 berichtete ein ehemaliges Mitglied des Nationalen Sicherheitsrats über russische Propaganda, die das Fracking untergraben sollte. RT und Umweltverbände warnten vor Giftstoffen in Frackingflüssigkeiten, vor einer drohenden Verseuchung des Grundwassers und verbreiteten Bilder von brennenden Wasserhähnen.

Fracking – Mit Druck und Chemikalien Erdgas freisetzen

Beim Hydraulic Fracturing (kurz Fracking) wird ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien unter hohem Druck in tiefe Gesteinsschichten gepresst. Der Druck sprengt Risse ins Gestein, über die das darin gebundene Erdgas entweichen kann. Wasser und Druck – es handelt sich grundsätzlich um einen physikalischen Prozess. Warum also Chemikalien?

Die wichtigsten eingesetzten Mittel sind sogenannte Gelbildner, die das Gemisch andicken und so für einen besseren Transport von Sandkörnern oder Keramikkugeln sorgen. Diese dienen als Stützmittel: Sie sammeln sich in den erzeugten Rissen und verhindern so, dass der Druck des darüber liegenden Erdreichs die Risse wieder schließt, sobald das Wasser abgepumpt wird. Zudem kann die Flüssigkeit Biozide enthalten, die das Wachstum von Bakterien unterdrücken. Zum Herauspumpen der Flüssigkeit kann es angebracht sein, die durch Gelbildner erzeugte Verdickung rückgängig zu machen.

Einige der eingesetzten Stoffe werden auch in der Lebensmittelindustrie verwendet. Andere sind gesundheits- und umweltschädlich. „Durch die starke Verdünnung sind die Frac-Flüssigkeiten als Ganzes nicht mehr giftig“, schreibt die BGR in einer Broschüre zum Fracking. Sie seien gemäß Chemikalienrecht nicht speziell kennzeichnungspflichtig. In vielen US-Bundesstaaten müssen die Firmen die Zusammensetzung ihrer Frac-Flüssigkeiten veröffentlichen. Beim sogenannten Clean Fracking soll künftig ganz auf den Einsatz von Chemikalien verzichtet werden.

Schematische Darstellung der potentiellen Umweltrisiken einer Bohrung

Drei denkbare Wege der Verunreinigung des Grundwassers

Doch wo liegt überhaupt die Gefahr beim Einsatz von Chemikalien? Denkbar sind vor allem drei Wege, über die Frac-Flüssigkeit ins Grundwasser gelangen könnte.

  • Sie könnte aus großer Tiefe langsam in wasserführende Schichten wandern.
  • Sie könnte direkt aus den Rohren der Bohrung austreten.
  • Und sie könnte überirdisch auf dem Bohrplatz oder beim Transport freigesetzt werden.

Zum letzten Punkt schreibt das Umweltbundesamt (UBA) in einem Gutachten von 2012: „Durch Unfälle, Störfälle oder unsachgemäßen Umgang kann es hier zu Schadstoffeinträgen an der Erdoberfläche kommen.“ Dieses Risiko besteht allerdings bei jeder Form von Gas- und Ölförderung und ist nicht auf Fracking beschränkt. Entsprechend existieren schon lange strenge gesetzliche Vorgaben, die das Grundwasser vor diesem Verschmutzungspfad schützen sollen. So werden zum Beispiel Bohrplätze mit wasserdichtem Beton ausgeführt, um Versickerung zu verhindern. Wassergefährdende Stoffe müssen in besonders stabilen Behältern und doppelwandigen Tanks gelagert und transportiert werden.

Zum zweiten Verschmutzungspfad schreibt das UBA: „An der Produktionsbohrung kann es während des Frack-Vorgangs zu Leckagen und Undichtigkeiten kommen, die zu einem ungewollten Austritt von Frack-Fluiden in den Ringraum bzw. in das anstehende Gebirge führen.“ Das bedeutet, dass die Frac-Flüssigkeit seitlich aus der Bohrung austreten und dabei im schlimmsten Fall direkt in eine Grundwasserschicht eindringen könnte.

Um dieses Risiko zu minimieren, wird das Bohrloch abschnittsweise mit mehreren Stahlrohren abgedichtet. Der Raum zwischen den Rohren und zwischen der Wand des Bohrlochs und der Außenseite des äußersten Rohrs wird mit Zement verfüllt. So soll ein Austreten von Flüssigkeit oder Gas aus der Bohrung verhindert werden. Auch dieses Risiko und die Maßnahmen zur Minimierung gelten für alle Bohrungen und sind nicht auf Fracking beschränkt. Nach Einschätzung der BGR ist ein solches Austreten von Frac-Flüssigkeit „durch eine ordnungsgemäße wasser- und gasdichte Ausführung der Bohrung nach menschlichem Ermessen auszuschließen.“

Zuletzt bleibt der Aufstieg der Flüssigkeit aus der Zielformation des Frackings. Grundsätzlich ist das kaum möglich, da Schiefergas-Vorkommen von Grundwasserschichten durch mehrere hundert Meter und mehr Gestein getrennt sind. Die Gefahr sieht das UBA vielmehr darin, dass die beim Fracking erzeugten Risse Verbindung zu sogenannten Störungen herstellen könnten. Dabei handelt es sich um Unterbrechungen einer geologisch ansonsten einheitlichen Schicht, in denen entsprechend andere Bedingungen vorherrschen. Solche Störungen könnten geologische Barrieren, die zwischen der Förderschicht und dem Grundwasser liegen, durchbrechen und „bei entsprechenden Druck- und Durchlässigkeitsverhältnissen im Gesteinskörper streckenweise bevorzugte Aufstiegsbahnen für Gase und Fluide darstellen.“

Die BGR hat in ihrer Studie von 2012 die Ausbreitung von Rissen beim Fracking simuliert. Dafür wurde ein Extremfall „unter möglichst ungünstigen, d.h. risikosteigernden Voraussetzungen“ modelliert. Bei diesem Extremfall lag die maximale Risslänge in horizontaler Richtung bei 540 Metern und in vertikaler Richtung bei 370 Metern – nach Einschätzung der BGR ein geringes Risiko, da die Grundwasserleiter in der Regel flacher als 500 Meter liegen und die Risse in Tongesteinen erzeugt werden, die zumeist deutlich tiefer als 1000 Meter liegen. Durch genaue Standortuntersuchungen zur Modellierung der Rissausbreitung könne „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden“, dass Frac-Flüssigkeiten unkontrolliert in angrenzende Formationen entweichen. Entsprechend kam es in Deutschland nie zu einer Grundwasserverunreinigung durch Fracking, obwohl die Technologie hier seit den 1960er Jahren angewendet wurde.

Propaganda mit brennenden Wasserhähnen

In der wohl eindrücklichsten Szene in der Anti-Fracking-Dokumentation „Gasland“ (2010) hält ein Mann, Mike Markham, aus Colorado ein Feuerzeug an seinen Wasserhahn – und entzündet das Wasser, das herausströmt. Der Vorwurf: Frack-Bohrungen in der Nähe hätten das Trinkwasser mit Erdgas verseucht.

Tatsächlich fand die Wasserbehörde von Colorado große Mengen Methan im Wasser der Gegend. Allerdings war das 1976 – lange bevor die Förderung von Schiefergas durch Fracking begann. Denn Erdgas in Trinkwasser ist keinesfalls ein neues Phänomen. Berichte über entzündbares Wasser gibt es seit vielen Jahrzehnten. Der Ort Burning Springs in West Virginia trägt sogar seinen Namen wegen dieses Phänomens.

Zumeist handelt es sich beim Gas im Wasser um biogenes Erdgas, hauptsächlich Methan, das Mikro-Organismen aus organischem Material in geringen Tiefen erzeugen. Schiefergas hingegen, das auch Ethan und Propan enthält, entsteht thermogen – durch Wärme und Druck über lange Zeiträume in großer Tiefe. Biogenes und thermogenes Erdgas lassen sich analytisch voneinander unterscheiden. Bereits 2008 wurde Mike Markhams Trinkwasser analysiert. Das Ergebnis: Das Gas in seinen Leitungen ist biogenen Ursprungs.

Verbot ist wissenschaftlich nicht haltbar

„Ein generelles Fracking-Verbot lässt sich wissenschaftlich nicht begründen“, stellte die Akademie der Technikwissenschaften Acatech 2015 fest. In einem Positionspapier räumte sie der Förderung von Schiefergas eine Brückenfunktion für die Energiewende ein und schlug strenge Sicherheitsstandards für die Umsetzung vor. Zudem könne die Technologie für petrothermale Geothermie, die klimaneutrale Nutzung von Erdwärme im tiefen Untergrund, verwendet werden. „Trinkwasserschutz und Fracking sind aus geowissenschaftlicher Sicht miteinander vereinbar“, erklärte auch die BGR ein halbes Jahr später.

Auf der anderen Seite sollte das UBA sein Ministerium mit Gegenargumenten versorgen. Bei der Vorstellung eines eigenen Gutachtens sprach UBA-Präsidentin Maria Krautzberger von „vielen Risiken, die nicht beherrschbar sind“ – zum Erstaunen des Gutachters. Denn wie der Hydrogeologe Uwe Dannwolf gegenüber „Panorama“ erklärte: „In unserem Gutachten stehen solche Worte nicht drin.“ Er hält die Technologie für beherrschbar. Doch dieses Fazit passte offenbar nicht zur Vorgabe der Ministerin, die sich in derselben Sendung überzeugt zeigte, dass es in naher Zukunft kein Interesse an Schiefergas in Deutschland geben würde. Sie habe „große Zweifel daran, ob wir diese Technik unter energiepolitischen Gesichtspunkten brauchen“, sagte die Ministerin im Bundestag bei der Debatte über ein Verbotsgesetz.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Russland bereits die Krim annektiert. Trotzdem dauerte es bis zum Überfall auf den Rest der Ukraine, bis Wirtschaftsminister Robert Habeck sich gegen „Denktabus“ bei der Energieversorgung aussprach. Dem Klimaschutz dient diese neue vorgebliche Ideologiefreiheit aber nicht. Statt sauberer Kernkraftwerke sollen dreckige Kohlemeiler weiterbetrieben werden. Und Putins blutiges Gas soll nun durch Frackinggas ersetzt werden, das in den USA unter weniger strengen Vorgaben als hier in Deutschland gefördert, unter Einsatz von rund 13 Prozent der enthaltenen Energie auf minus 162 Grad Celsius heruntergekühlt und verflüssigt und um die halbe Erdkugel transportiert wurde.

Bio bedeutet ungespritzt. Kernreaktoren können explodieren. Kuba hat ein vorbildliches Gesundheitssystem. Der Körper kann entschlackt werden. Homöopathie ist keine Magie. In unregelmäßigen Abständen begibt sich Johannes Kaufmann hier auf Mythenjagd. Themenvorschläge werden gern entgegengenommen.

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