Da lachten sie noch: Der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier, EU-Außenbeuftragte Federica Mogherini und Irans Außenminister Zavad Zarif (2015). U.S. Department of State

Noch ein Wort zum Atomdeal

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Ganz so einfach ist es dann doch nicht: Wer fürs Atomabkommen war, muss kein pazifistisches Weichei gewesen sein. Und umgekehrt gilt: Die Befürworter Trumps sind keine Kriegstreiber.

Sorry, ich kann kein klares “Jaja” oder “neinein” liefern. Ich bin innerlich zerrissen und weiß nicht, was ich denken soll.

Folgendes weiß ich allerdings mit Sicherheit:

Nicht alle Gegner des Atomabkommens, die jetzt aufatmen, sind Kriegstreiber; es gibt gute Gründe, in diesem Punkt – wie Bret Stephens, wie mein Mit-Kolumnist Karl-Hermann Leukert – für Trump zu sein. Aber es sind auch nicht alle Befürworter des Deals pazifistische Weicheier – oder gar Feinde des Staates Israel. Zu den Befürwortern des Deals gehört Jim Mattis, der Chef des Pentagon. (Der seinen Thukydides gelesen hat. Auf Griechisch.) Und Ehud Barak, der (ganz buchstäblich) der ersten Intifada die Knochen gebrochen hat. Und Meir Dagan, der frühere Mossad-Chef, der gewiss kein antizionistisches Friedenstäublein, sondern ein israelischer Patriot und Realist ist.

Ich war anfangs sehr skeptisch gegenüber diesem Deal. Noch skeptischer bin ich jetzt, wo Trump ihn in Fetzen gerissen hat, ohne eine Alternative zu präsentieren. Der Atomdeal mit dem Iran hatte – Allah weiß es – viele schlechte Seiten. Eine gute Seite war, dass der Iran sich einem rigorosen Inspektionsregime unterwerfen musste. Damit ist es jetzt vorbei. Das lässt sich auch nicht wieder herstellen. Und das finde ich ziemlich beängstigend.

Keine guten Optionen

Was einen Krieg mit dem Iran betrifft, so haben mir alle Militärexperten, mit denen ich darüber gesprochen habe, seit Jahren leider dasselbe gesagt: Es gibt keine guten Optionen. Der Iran ist ein großes Land. Es ist wahrscheinlich unmöglich, alle Nuklearanlagen aus der Luft zu treffen (es klappt auch mit den bunkerbrechenden Bomben nicht, die George W. Bush den Israelis seinerzeit, also 2004 oder 2005, vorenthalten hat). Eine Invasion des Iran würde noch schneller zu einem Albtraum als weiland die Invasion des Irak. (Die ich damals unterstützt habe. Heute denke ich, dass es ohne diese Invasion dem Irak vielleicht nicht schlechter gehen würde – aber 4000 amerikanische Soldaten wären noch am Leben.)

Sogar wenn mit einem Luftkrieg alle Nuklearanlagen und Zentrifugen zerstört würden, könnte man ein Atomprogramm des Iran allenfalls ein paar Jahre zurückwerfen. Auf die Dauer aufhalten ließe es sich nicht. Wissen kann man, wie Amos Oz feststellte, halt nicht bombardieren. Außerdem würde ein Krieg das ekelhafte Mullah-Regime wahrscheinlich stärken, nicht schwächen. Die einzige Hoffnung, die ich im Moment habe, ist, dass die iranische Demokratiebewegung schneller sein wird als die Bombenbauer. Meine Furcht ist, dass die Kündigung des Atomdeals – wie in der griechischen Tragödie – just das Schicksal herbeiführt, das sie eigentlich verhindern sollte: ein nukleares Wettrüsten im Nahen Osten unter Einschluss der Saudis, vielleicht auch der Türkei, und am Ende einen grauenhaften Krieg.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com