Nichts ist schwerer zu ertragen als die Einsicht, dass ein Krieg mit zivilen Mitteln nicht mehr zu stoppen ist. Das kostet Zeit und hat Konsequenzen. Während man in Deutschland diese Zeit mit Debatten über realitätsferne Briefe von Intellektuellen und Künstlern vertan hat, die von der Logik dieses Krieges genau so viel verstanden haben wie mancher Querdenker von komplexen Vorgängen des menschlichen Immunsystems, stirbt im Donbas eine große Anzahl gut ausgebildeter ukrainischer Soldaten, weil die westlichen Partnerländern moderne Artillerie zu spät liefern. Die nächsten Monate werden darüber entscheiden, ob dieser Krieg bald endet oder sich noch über Jahre hinzieht. Aber auch auf der Straße in Deutschland droht ein heißer Herbst.

Nichthandeln hat immer einen politischen Preis. Es wird nicht ausreichen, nur über Wege aus den selbst verschuldeten Energie-Engpässen in Deutschland zu sprechen. Es braucht die breite konsequente militärische Unterstützung der Ukraine, wenn man diesen Krieg nicht über Jahre ausgedehnt sehen will. Den Konsens darüber herzustellen und zu sichern ist jetzt das Gebot der Stunde; ansonsten droht diesen Herbst nicht weniger als die Umkehrung der Solidarität mit der Ukraine. Querdenker, die AfD und eine immer noch moskauhörige radikale Linke warten nur auf ihre Chance, sobald die Stimmung kippt.

Der Krieg wird sich über den Winter derweil weiter zuspitzen. Was das für die Bürger der Ukraine bedeutet, mag man sich nicht ausmalen, zumal ukrainische Wärmekraftwerke bereits in den letzten Tagen Ziel russischer Bombardements geworden sind. In diesem Winter in der Ukraine zu überleben, wird eine ganz neue Herausforderung darstellen, während man sich hierzulande noch darüber empört, dass Ratschläge für das geringfügige Absenken der Raumtemperatur erteilt werden. Mit Sicherheit werden sich in diesem Herbst nicht nur die Montagsdemonstrationen für eine Stimmung gegen die Ukraine instrumentalisieren lassen. Die Handwerker in Sachsen-Anhalt machen es bereits vor. 

Im Diskurs viel schiefgelaufen

Wie konnte es so weit kommen? Es ist in Deutschland vieles schiefgelaufen in den Debatten nach den ersten Schockmomenten zu Kriegsanfang. Wohlwollend könnte man formulieren, dass das diskursive Feld in Friedenszeiten mit seinen sinnvollen, für die Demokratie nötigen Streitgesprächen nicht ohne weiteres mit den Logiken und (auch militärischen) Notwendigkeiten im Krieg zu vereinbaren ist, wie der Historiker Jakub Sawicki treffend angemerkt hat. Von Habermas bis zu den Briefeschreibern um Alice Schwarzer wurde diese reale Kriegslogik indes ignoriert und stattdessen der Argwohn gegen ein europäisches Land im Zustand der Selbstvertseidigung und seine Unterstützer bemüht. Franziska Davies brachte es dabei auf den Punkt, als sie sagte, die Wahrheit liege nicht „irgendwo in der Mitte“, sondern habe mit dem mühevollen Erarbeitung von Expertise zu tun. Eine fatale Emperielosigkeit scheint dagegen besonders in Kulturkreisen en vogue zu sein.

Was deutschen Debatten rund um den Krieg etwa immer noch fehlt, ist eine Würdigung der ukrainischen Soldaten. Dabei verteidigen sie auch die europäische Friedensordnung, die seit dem Zweiten Weltkrieg nie so bedroht war wie heute, und ganz besonders das Prinzip der Unantastbarkeit von Grenzen. Die deutsche Analyse ist im Hinblick auf diesen Punkt allerdings auf halber Strecke stehen geblieben, ein Versäumnis, das sich noch bitter rächen kann. Deswegen sollen in diesem Tagebuch Beobachtungen von Militärexperten zusammengefasst werden, die sich mit der Dynamik dieses Krieges ausführlich befasst haben.

Verhandeln statt Handeln

Mit am meisten Konfusion in den Debatten stiften immer noch mögliche Verhandlungsoptionen. Sicher, wer kein Zyniker ist, den treibt der Wunsch nach einem Ende dieses Krieges um. Aber auch nach zahlreichen eher hilflosen Friedensappellen deutet nichts darauf hin, dass der russische Präsidenten von seinem Kriegsziel abgerückt wäre, die Ukraine in ihrer heutigen Form zu zerstören oder ihr zumindest existenziellen Schaden zuzufügen. Warum sollte er dann verhandeln wollen? Solange es ihm um die zwangsweise Integration von nach seinem Verständnis unberechtigterweise unabhängigen Staaten geht, die eigentlich Teil Russlands sind oder sein sollten, kann er kaum Kompromisse eingehen. Bevor ihm militärisch und wirtschaftlich nicht die Felle davonschwimmen, wird er sich auf keine Verhandlung einlassen, deren Ergebnis die sichere Zukunft einer souveränen Ukraine sein könnte.

Der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew hat überzeugend dargelegt, warum Putin im Krieg erst wirklich in seinem Element ist und warum somit der wohlwollende Blick aus dem Westen an allem vorbei geht, was ihn ausmacht. Jerofejewes Essay und Rückblick spricht Bände. So habe Putin sich anfangs mit dem Angebot, Präsident zu werden, nicht anfreunden wollen aus Angst, als „Drache im Nebel“ zu enden; laut dem inzwischen verstorbenen Oligarch Boris Beresowski wäre Putin lieber Chef von Gazprom geworden. Am Ende musste es bekanntlich das Präsidentenamt sein, denn auch unteilbare Macht ist schließlich ein reizvolles Projekt. Eine banale Aufgabe wie die Anhebung des russischen Lebensstandards auf das Niveau etwa von Portugal wäre dagegen ein demütigendes Ziel. Im Rückblick scheint sich zu bestätigen, dass Putin den Überlebenskampf in St. Petersburger Hinterhöfen zu seinem Leitbild gemacht hat: Siegen lernen bedeutete, den Gegner in einen Kampf zu ziehen, um ihm dort die eigenen Regeln aufzuzwingen. Mithin auch deshalb hat das westliche Frühwarnsystem mit Ausnahme der amerikanischen Geheimdienstquellen versagt, und auch die lösten viel zu spät den Alarm aus.

Zu sehr auf das Ideologische geschaut

Es war ein Fehler auch des Berliner Politik- und Wissenschaftsbetriebs, sich beim Blick auf Russland zu sehr auf das Ideologische und auf die Berater und Philosophen um Putin als Warnsystem zu verlassen. In Wirklichkeit waren und sind es weniger Ideen als der pure Erhalt und die konsequente Ausweitung von Macht, die Putin antreiben. Das klingt banal, ist aber in seiner Konsequenz hierzulande nicht verstanden worden. Schon im politischen Kultfilm „All the President’s Men“ von 1976, der heute beim Netflixpublikum keine Chance mehr hätte, hieß der Schlüssel zum Erfolg: Folge der Spur des Geldes. Journalistinnen wie Catherine Belton haben das im Hinblick auf Putins Kriegsvorbereitung noch präziser beschrieben, allzu große Aufmerksamkeit schenkte der deutsche Diskurs ihr aber nicht. Ihre Recherchen passten nicht in die bequemen Grundannahmen einer Russlandpolitik, die vor allem auf florierenden Geschäften mit Moskau basierte und heute verzweifelter denn je auf einen Untersuchungsauschuss wartet. Hätte man die mafiösen Verstrickungen des russischen Geldes in Europa genauer unter die Lupe genommen und Konsequenzen gezogen, Putin müsste seinen Krieg heute mit deutlich weniger Ressourcen führen. Jetzt aber zählt nur noch die Logik der Waffen. Die Weigerung deutscher Intellektueller, sich mit dieser Realität auseinander zu setzen, hat auch mit der lange kultivierten deutschen Unlust zu tun, genauer hinzuschauen, als reihenweise westliche Politiker den monetären Verlockungen des Kreml auf dem Leim gingen. 

Wie geht es nun militärisch weiter? Trotz großer Erschöpfung wird die Schlacht im Donbas fortgesetzt, ein einfacher Blick auf die Karte des aktuellen Kriegsgeschehens genügt, um die Dimension des Geschehens zu begreifen. Obwohl die Kämpfe sich dank der jüngsten ukrainischen Gegenangriffe auf den Süden verlagern, leiden Großstädte wie Charkiw auch weiter unter regelmäßigem Artilleriebeschuss. In der Analyse vieler Militärbeobachter galt die Umgebung um Charkiw stets als Gradmesser dafür, inwieweit es gelingen kann, die russische Artiellerie insgesamt auf Abstand zu halten.

Nur große Opferzahlen schaffen es in die Medien

In der deutschen Berichterstattung taucht dieser regelmäßige Terror gegen die Zivilgesellschaft aber auch im sechsten Monat des Krieges nur auf, wenn die Opferzahl eines Angriffs ganz besonders hoch ist. Auch von Orten wie Brazhkivka, Dovhenke, Soledar oder Bohorodichne hört man sehr wenig, dabei gehen die Kämpfe hier genauso weiter. Auch wenn die hochintensive Schlacht um die letzten Qudratkilometer der Oblast Luhansk einer „Erschöpfungsphase“ gewichen ist, setzen Soldaten und Freiwillige dort noch immer jeden Tag ihr Leben aufs Spiel, um den weiteren Vormarsch russischer Truppen zu stoppen. Dieser wortwörtlich unermüdliche Einsatz der ukrainischen Armee verhindert den Durchbruch russischer Truppen weiter nach Westen – und damit vorerst auch Gedankenspiele des Oberbefehlshabers in Moskau darüber, welches osteuropäische Land er seinem Imperium als nächstes einverleiben möchte. All das wird vor allem von denen in Deutschland, Italien und Frankreich verdrängt, die immer noch nicht den Wert der ukrainischen Verteidigungsarmee und den zynischen Charakter von Putins Kriegsführung erkannt haben. Der eigene Gemütszustand und ein intaktes Weltbild sind ihnen wichtiger als das Überleben eines zivilisierten Europas. 

Dabei sind die Zumutungen, denen ukrainische Soldaten täglich ausgesetzt sind, gewaltig. Von ihnen liest man wenig. Obwohl außerdem in den letzten zehn Jahren eine Fülle von Literatur zum Ersten Weltkrieg veröffentlicht wurde, werden die offensichtlichen militärischen Parallelen weitestgehend ignoriert. Dabei hat der Artilleriebeschuss in den Oblasten Luhansk und Donezk längst eine Dimension angenommen, die mit den Materialschlachten im Ersten und auch Zweiten Weltkrieg zu vergleichen wäre. Nach der Auswertung des Journalisten Volodymyr Dacenko hat die Quantität der Artillerie (Schüsse pro Tag) das Niveau der Roten Armee in den Kriegsjahren 1941 und 1942 erreicht. Setzt man die Intensität des Artilleriebeschusses ins Verhältnis zur Länge der Front, ist das Ausmaß der Zerstörung durch die russische Armee sogar vergleichbar mit der Zerstörungskraft der Wehrmacht zwischen 1941 und 1944. Sicher, solche Vergleiche hinken. Aber sie machen deutlich, dass die Dimension dieses Artilleriekrieges längst das Niveau vergangener Schrecken erreicht hat. Die Bilder des systematisch zerstörten Mariupol sprechen für sich.

Ohne Artillerie geht es nicht

Zum derzeitigen Zeitpunkt befinden die genannten Orte sich entweder noch unter ukrainischer Kontrolle oder sind Niemandsland. Auch die Versuche der Separatisten, Boden gut zu machen, scheitern derzeit an vielen Punkten der ehemaligen Kontaktlinie. Das ukrainische Kalkül, nach dem Rückzug aus Lyssytschansk den Vormarsch des Gegners auf dem anschließenden flachen und offenen Gelände besser stören zu können, scheint kurzfristig aufzugehen. Maßgeblichen Anteil daran trägt aber die jüngste Verstärkung der ukrainischen Artillerie. Was passiert, wenn weitere Verstärkung in den nächsten Wochen und Monaten ausbleibt, liegt damit auf der Hand.

Was kann man angesichts der jüngsten Entwicklungen festhalten? Im erweiterten Frontbereich ist eine ganze Reihe von Beobachtern unterwegs, deren Militäranaysen alles auf den Kopf stellen, was man sich in der Fraktion deutscher Waffenlieferungsverweigerer bisher so zusammenreimt. Um die aktuell drängenden Fragen – Was passiert mit den zehn- bis zwanzigtausend von der Versorgung abgeschnittenen russischen Einheiten in der Region Cherson? Warum gehen der russischen Armee an Ballistik- und Marschflugkörper aus? Welche Probleme sind bei der Luftverteidigung der Ukraine noch ungelöst? – wird es in den nächsten Tagebucheinträgen gehen.


Unser Gastkolumnist Marcus Welsch war in den letzten zehn Jahren Dutzende Male in Polen, der Ukraine und anderen Staaten Mittel- und Osteuropa unterwegs. Er ist als Dokumentarfilmregisseur oft mit dem ukrainischen Schriftsteller Serhij Zhadan durch den Osten seines Landes gefahren. Warum ihn jetzt das Reden in Deutschland über Krieg und Frieden um den Schlaf bringt, beschreibt er hier in einem mehrteiligen Tagebuch.

Hier geht es zu Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4 und Teil 5 des Tagesbuches.

Das Titelbild dieses Beitrages entstammt dem Fotobuch „Ukraine – Europas Krieg“ des Fotografen Till Mayer, das im Oktober im Erich-Weiss-Verlag erscheint. Wir danken herzlich für seine freundliche Unterstützung. Weitere Informationen unter www.tillmayer.de.