Bordeauxbrühe (ein Fungizid aus Kupfersulfat und Kalk) auf Weinblättern. Pg1945 // CC BY-SA 3.0

Ich esse kein Bio mehr (1)

Bio ist eine Ideologie, die sich vorwiegend aus Glaubenssätzen speist und Fakten ignoriert. Das Marketing von Bio besteht darin, die Konkurrenz durch Kampagnen und Verbote auszuschalten.

Es ist ein Verdienst der Umweltschutzbewegung, dass Luft, Wasser und Böden heute weniger belastet sind als noch vor drei, vier Jahrzehnten, dass problematische Giftstoffe aus dem Verkehr gezogen und die Zulassungsvorschriften für neue Chemikalien – ob für Medizin, Ernährung, Landwirtschaft oder andere Produkte – wesentlich verbessert wurden. Im Schatten dieser Veränderungen ist der Biolandbau groß geworden.

Er behauptet, gesündere und schmackhaftere Produkte zu erzeugen, und zwar mit einer Wirtschaftsweise, die Ressourcen schont und der Umwelt nützt. Bio-Landwirtschaft sei geeignet, die Weltbevölkerung zu ernähren und sei im Angesicht von Klimawandel, Artenverarmung und ähnlichen Katastrophen nicht nur vernünftig, sondern moralisch geboten. Daraus leiten die Lobbyisten des Biolandbaus einen Handlungsauftrag ab: die Abschaffung der konventionellen Landwirtschaft.

Viele Menschen überzeugt das, doch stimmen die Behauptungen? Im ersten Teil geht es um die Überprüfung der Behauptungen, in Teil zwei um die Ideologie.

Gesünder und mit mehr Geschmack?

Zahllose Studien und Metastudien haben inzwischen gezeigt, dass sich nur bei sehr wenigen Produkten messbare Unterschiede in den Inhaltsstoffen finden lassen – Unterschiede, die für Gesundheit und Ernährung von Konsumenten keinerlei Rolle spielen. Sogar Greenpeace, für die meisten Menschen das Maß aller Dinge in Sachen Ökologie, sagt: „Konventionelles Obst ist nicht weniger gesund für den menschlichen Organismus als Bio-Obst und -Gemüse. Wir sagen nie, dass Bio gesünder ist.“

Blindverkostungen ergeben mit schöner Regelmäßigkeit, dass selbst eingefleischte Biokäufer nicht in der Lage sind, konventionell angebaute von Bioprodukten an Geschmack oder Aussehen zu unterscheiden. Die Behauptung wird dennoch immer wieder mit dem Brustton der Überzeugung vorgetragen. Bio erkennt jedoch nur der am Geschmack, der schon vorher weiß, dass Bio drauf steht.

Wer jetzt darauf verweist, dass Bio-Produkte aber nicht „gespritzt“ werden, weiß nichts von den Mitteln, die der Biolandbau verwendet (s. dazu den Beitrag von Johannes Kaufmann). Das aus Giftpflanzen gewonnene Rotenon verursacht Parkinson, das Pilzgift Spinosad, das hormonell wirksame Insektizid Azadirachtin und das Nervengift Pyrethrum töten Bienen und die im Pyrethrum-Extrakt enthaltenen Gifte sind krebserregend und schädigen auch menschliche Nerven. Das am häufigsten verwendete Pestizid – Sporen des dem Milzbranderreger eng verwandten B. thuringiensis-Bakteriums – kann Lungeninfektionen verursachen. Das Schwermetall Kupfer in der so genannten Bordeauxbrühe (s. Bild) ist höchst problematisch für Böden und Gewässer und verursacht Leberkrebs bei Anwendern. Schlimmer noch, es fördert die Ausbreitung von Resistenzgenen gegen Schwermetalle bei Pilzen und Bakterien. Dies sind die gleichen Gene, die Resistenzen gegen Antibiotika vermitteln. Kupfer ist genauso für die Ausbreitung von resistenten Krankheitserregern verantwortlich zu machen wie die viel gescholtene Antibiotikaverwendung in der (Bio-)Tierhaltung.

Verbraucher werden darüber hinaus durch Giftpflanzen in Gefahr gebracht, die im Biolandbau aus ideologischen Gründen („Erhalt der Artenvielfalt“) oder mangels geeigneter Methoden nicht konsequent bekämpft werden. Bei dieser Praxis geraten giftige Samen und Pflanzenteile in die Bioprodukte. Das betrifft vor allem Säuglinge und Kleinkinder, weil viele Eltern aus Angst vor Gesundheitsschäden durch synthetische Pestizide zu Bioprodukten greifen. Allein in den letzten zwei Jahren mussten wiederholt Bio-Getreidebreie, aber auch Bio-Hirsebällchen, Bio-Maisgrieß und Bio-Polenta zurückgerufen werden, weil sie bedenkliche Mengen von giftigen Tropanalkaloiden enthielten. Auch Vergiftungen mit Mutterkornalkaloiden kommen wieder vor. Gefährdet sind hier vor allem Konsumenten, die Getreide und Mehl von lokalen Kleinanbietern oder ab Hof kaufen.

Nicht einmal die Behauptung der „Natürlichkeit“ von Bioprodukten stimmt. Wie im konventionellen Landbau ist auch Bio-Obst geklont, beim Pfropfen wird Genmaterial ausgetauscht, Bio-Mais hat mit der natürlichen Ursprungspflanzen Teosinte nicht einmal mehr entfernte Ähnlichkeit und auch Bio-Weizen ist eine aus vermutlich drei Arten hervorgegangene Kunstpflanze. Dutzende Bio-Gemüsesorten sind überdies gezüchtet worden, indem man das Erbgut der Elternpflanzen mit Chemikalien oder Strahlen durcheinanderbrachte.

Ressourcenschonend?

Die Produktivität des Biolandbaus ist deutlich geringer. Vergleicht man den Output einer Biofarm unter realen Bedingungen mit dem eines konventionell bewirtschafteten Hofs, so beträgt die Produktivitätslücke z. B. in den USA bei Reis 39 Prozent, bei Körnermais 35 Prozent, bei Soja 31 Prozent und bei Winterweizen 29 Prozent. Hätte man in den USA 2014 alle Nutzpflanzen organisch angebaut, hätte man 44 Millionen Hektar mehr Anbaufläche benötigt (Basis: USDA-Daten). Zum Vergleich: Deutschlands Landwirtschaft bewirtschaftet derzeit 17 Millionen Hektar.

In anderen Ländern sieht es nicht besser aus. Eine Metastudie von Forscher der kanadischen McGill-University und der University of Minnesota ergab 2012, dass die Produktivität des Biolandbaus in industrialisierten Ländern im Durchschnitt 20 Prozent unter der des konventionellen Anbaus liegt; in Entwicklungsländern liegt sie um 43 Prozent zurück.

Greenpeace geht in seiner neuesten Broschüre davon aus, dass der Ertragsverlust in Deutschland bei durchschnittlich 40 Prozent liegen würde, wenn die gesamte Landwirtschaft auf Ökolandbau umgestellt würde. Durchschnittlich heisst, dass es auch Jahre gibt, in denen wie im Sommer 2016 praktisch kein Bio-Wein und kaum Bio-Kartoffeln und -Gurken geerntet werden können oder in denen der Bio-Weizen so schlecht ist, dass er nicht als Brotgetreide taugt.

Berücksichtigt man auch die im Biolandbau vorgeschriebenen Anbaupausen (12 Monate Bunt- bzw. Rotationsbrache), vergrößert sich diese Lücke noch einmal.

Welche Auswirkungen das oft geforderte Verbot von Pestiziden in subtropischen Regionen hat, lässt sich in Sri Lanka studieren: Ende 2013 untersagte das Agrarministerium Verkauf und Anwendung von Carbaryl, Chloropyriphos, Carbofuran, Glyphosat und Propanil; Restbestände durften aufgebraucht werden. Im November wurde bekannt, dass gegenüber 2015 die Produktion von Mais im Jahr 2016 um 20 Prozent, die von Mungobohnen um 31 Prozent und die von Hirse sogar um 55 Prozent zurück ging.

Die Planters‘ Association of Ceylon berichtet, dass der Teeanbau inzwischen gefährdet ist. Anbauflächen wurden so stark durch Unkraut überwuchert, dass es den Teepflückern teilweise nicht mehr möglich ist, zwischen den einzelnen Abschnitten der Plantagen zu wechseln. Pflege und Ernte der Teesträucher werden immer schwieriger und teilweise lebensbedrohlich, denn der Unterwuchs zieht Giftschlangen an.

Bio bedeutet also – wie schon in einem früheren Beitrag erläutert – Verschwendung von Ressourcen, mehr noch: Man nimmt in Kauf, dass Pflanzen, die gerettet werden könnten, von Schädlingen vernichtet werden. Mit anderen Worten: Würde die Welternährung auf Bio umgestellt, müsste die Anbaufläche deutlich ausgeweitet werden, wenn man Hungersnöte vermeiden will. Das bedeutete tiefgreifende Eingriffe in die Landschaft: Abholzung von Wäldern, Trockenlegung von Sumpfgebieten, Bewässerung von Trockengebieten, … Wir bräuchten einen zweiten Planeten, um die gesamte Weltbevölkerung mit Bio zu ernähren.

Der Verzicht auf Fleisch (wer wollte den weltweit durchsetzen?) würde daran nicht viel ändern. Viele Weideflächen eignen sich nur bedingt oder gar nicht für den Anbau von Nutzpflanzen. Und woher soll der tierische Dünger kommen, dessen Verwendung im Biolandbau vorgeschrieben ist? Der viele gescholtene Sojaanbau würde beim Verzicht auf Nutztierzucht im übrigen kaum zurückgehen, denn Soja wird wegen ihres Ölgehalts angebaut. Sojaöl wird für Lebensmittel und die Produktion von Biodiesel verwendet. Der beim Auspressen des Sojaöls entstehende Abfall, der so genannte Sojakuchen, der rund 80 Prozent der Masse ausmacht, wird wegen seines hohen Eiweißgehalts an Nutztiere verfüttert.

Nutzen für Umwelt und Klima?

Ökologische Vorteile lassen sich bei einigen Produkten allenfalls pro Fläche nachweisen; bezogen auf das jeweilige Produkt nivellieren sich die Unterschiede bzw. verändern sich wegen der großen Produktivitätsunterschiede ins Gegenteil.

Zudem kennt auch der Biolandbau äußerst umweltschädliche Produktionsweisen, etwa durch die verwendeten kupferhaltigen Spritzmittel, die Böden und Gewässer vergiften.

Auch in Sachen Biodiversität schneidet der Biolandbau nicht so gut ab wie immer behauptet wird. Er fördert Allerweltsarten, insbesondere Unkräuter, darunter viele Giftpflanzen, nicht aber die viel wichtigeren Leit- und Zielarten. Deren Erhalt wird durch Maßnahmen gefördert, an denen sich auch konventionelle Betriebe aktiv beteiligen.

Betrachtet man den Ausstoß von Ammoniak und Stickoxiden sowie die Versickerung von Stickstoff pro erzeugter Produktmenge, so schneidet der Biolandbau sogar schlechter ab als konventionell arbeitende Landwirtschaft. Das ist das eindeutige Ergebnis einer Metastudie aus dem Jahr 2012. Biolandbau benötigt zur Erzeugung der gleichen Menge weniger Energie, aber mehr Fläche und verstärkt die Gefahr einer Überdüngung und Versauerung der Böden.

Das vom Biolandbau immer wieder geforderte Anbauverbot von Pflanzen, bei deren Zucht Gentechnik genutzt wurde, würde global zu einem deutlichen Anstieg der Lebensmittelpreise führen und pro Jahr den CO2-Ausstoß der Landwirtschaft um das Äquivalent von fast 1 Milliarde Tonnen erhöhen (das ist das 15fache dessen, was die deutsche Landwirtschaft pro Jahr ausstößt).

Lesen Sie hier Teil 2.




Schreibt seit den 1980er Jahren über Wissenschaft, vorwiegend Gen- und Biotechnologie. Davor forschte er als Molekularbiologe an der Universität Bremen. 2006 gehörte er zu den Gründern von akampion, das innovative Unternehmen bei ihrer Kommunikation berät. Sein berufliches Engagement in der Biotechnologie-Industrie, seine Skepsis gegenüber den Segnungen der Bio-Landwirtschaft und sein Eintreten für Vernunft in der von "Chemie und Genen" verseuchten öffentlichen Debatte bringen dem "Monsanto-Knecht" regelmäßig den Vorwurf des Lobbyismus ein ("Lüge, Hetze, Verdrehungen"). 2017 erschienen seine Wissenschaftsthriller "[Oligo]" und "[Vironymous]" bei Piper Fahrenheit. Ludger Wess kommentiert hier privat.


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