Extreme Armut auf der Welt Grafik: Our World in Data*

„Drecksregime“ wäre angemessen

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Auf ZEIT ONLINE wird die Frage aufgeworfen, warum manche Länder Dreckslöcher sind. Unser Kolumnist Tobias Blanken antwortet – und spannt einen Bogen von der DDR bis zu den Ayatollahs.

„Why are we having all these people from shithole countries come here?“, so Donald Trump in einer Unterredung über Immigranten aus Haiti, El Salvador und den afrikanischen Ländern. Ein Satz, der weltweit Empörung ausgelöst hat, wahlweise wurde ihm Fäkalsprache, das Ausleben von rassistischen Vorurteilen oder das Schüren von rassistischen Ressentiments vorgeworfen. Oder gleich alles drei; dass er offenbar auch noch Norweger bevorzugen wollte, hat die Sache nur noch schlimmer gemacht.

Was aber, wenn es stimmt? In einer ZEIT-ONLINE-Kolumne geht Jochen Bittner den entgegengesetzten Weg; statt sich zu empören, fragt er, ob Trump womöglich einen Treffer landet. Ob shithole countries die Lage vor Ort angemessen beschreibt. Und wer eigentlich dafür verantwortlich ist, dass es vor Ort so aussieht, wie es aussieht. Oder, in Jochen Bittners Worten: „Warum sind manche Länder Dreckslöcher und manche nicht?“

Jochen Bittner liefert – was auch nicht Sinn und Zweck einer Kolumne sein muss – keine genaue Definition davon ab, was er unter shithole countries versteht, an einer Stelle schreibt er von den demokratisch, institutionell und wirtschaftlich suboptimal entwickelten Staaten Lateinamerikas und Afrikas“, ansonsten beschäftigt er sich fast durchgehend mit den miserablen materiellen Lebensbedingungen. Sprich, es ist vornehmlich die Armut, die ihn umtreibt.

Sie wollten Freiheit und Wohlstand, sie bekamen Idi Amin; für die Armut vor Ort macht Jochen Bittner vor allem die lokale Politik und die lokalen Eliten verantwortlich, statt nach der Dekolonisation funktionierende Strukturen – also Rechtsstaatlichkeit und demokratische Teilhabe – aufzubauen, wurden dysfunktionale Kleptokratien geschaffen, die die Armut perpetuieren. Es sind also nicht „wir“ (im Sinne von: Industrieländer, ehemalige Kolonialmächte, der Westen), die sich an die Nase fassen müssen, sondern die Regierenden in den shitholes, schließlich ist die Kolonialzeit seit mehr als einem halben Jahrhundert Geschichte. Entsprechend fällt dann auch Jochen Bittners finaler Ratschlag an einen jeden Regierenden in den shitholes aus: Wenn du in einem sitzt, hör’ auf zu graben.“

Und zum Parteitag Bananen

Ob Jochen Bittner recht hat? Es ist kompliziert, aber dafür muss man nicht ganz bis nach Afrika blicken, sondern nach Deutschland. Genauer, dem geteilten Deutschland von 1989. Das größte ökonomische Problem der DDR bestand nicht darin, dass es kaum Südfrüchte (und jede Menge peinliche Autos) gab, sondern in der miesen Produktivität. Eine Produktivität, die sich in den beiden deutschen Staaten in den Jahrzehnten ihres Bestehens immer weiter auseinanderentwickelt hat; am Ende erreichte die DDR gerade einmal ein Drittel der Produktivität der BRD. Heruntergebrochen, wenn ein Bürger der BRD eine Stunde arbeiten musste, um etwas herzustellen, musste ein Insasse der DDR drei Stunden arbeiten. Beide Staaten fingen nach dem Krieg mit ähnlichem Menschenmaterial an, trotzdem nahm die Produktivität einen anderen Lauf. Und der war systembedingt.

Entscheidend für die Produktivität ist nicht die Faulheit oder der Fleiß der Menschen am Arbeitsplatz, sondern wie effizient die Arbeitsprozesse organisiert sind – und welche Technologien zum Einsatz gebracht werden. Und da hat sich die dezentral organisierte Marktwirtschaft gegenüber der hierarchisch organisierten Planwirtschaft als überlegen erwiesen; die privatwirtschaftlichen Unternehmen der BRD konnten nahezu in jedem Jahr aufs Neue höhere Produktivitätszuwächse als die Staatswirtschaft der DDR erzielen. Produktivitätszuwächse, die sich dann über die Jahrzehnte so akkumulierten, dass die DDR trotz ähnlicher Ausgangsvoraussetzungen regulär abgehängt wurde. Und das mit drastischen Folgen, mit einem Drittel der Produktivität der BRD hätte die DDR 1989 die Arbeitszeiten verdreifachen müssen, um das Wohlstandsniveau der BRD zu erreichen. Was aber auch nur in der Theorie möglich ist, da Menschen schlichtweg nicht in der Lage sind, jede Woche aufs Neue eine 120-Stunden-Woche abzureißen.

Das mit der Produktivität einhergehende Wohlstandsgefälle zwischen der BRD und der DDR war mit der Grenzöffnung von 1989 für alle zu sehen; die DDR war so abgewirtschaftet, dass Donald Trump wohl von einem shithole gesprochen hätte. Und das Beispiel lässt sich auch auf andere Länder übertragen, die Produktivität (und mit ihr die Armuts- und Wohlstandsentwicklung) hat sich trotz ähnlichem Menschenmaterial in der Republik China (vulgo: Taiwan) und der Volksrepublik China (vulgo: China) ganz unterschiedlich entwickelt; vom krassen Unterschied zwischen Nord- und Südkorea ganz zu schweigen.

Shithole vorm Herrn

Jochen Bittner hat also recht, wenn er die Strukturen vor Ort für die Armutsentwicklung verantwortlich macht. Länder haben bei der Armut unterschiedliche Ausgangslagen, wie sich die Armut jedoch über die Jahrzehnte entwickelt, hängt entscheidend von den politischen Strukturen ab. It’s the system, stupid, Jochen Bittner hat aber unrecht, wenn er Länder als Dreckslöcher“ bezeichnet, denn nicht das Land, sondern das System ist die entscheidende Variable. Die DDR war tatsächlich ein shithole, aber nicht, weil Deutschland ein shithole country ist, sondern weil sich in der DDR das planwirtschaftliche System durchgesetzt hat. Gleiches gilt für Nordkorea, ein shithole vorm Herrn, aber nicht, weil Korea ein shithole country ist, sondern weil die in Nordkorea tonangebende Chuch’e-Ideologie der Kim-Dynastie wirtschaftlich direkt in den Abgrund führt.

Apropos Nordkorea, im Juni 2010 hat die amerikanische Zeitschrift Foreign Policy den Schlimmsten der Schlimmsten eine Ausgabe gewidmet, also den Diktatoren, die Abermillionen Menschen das Leben zur Hölle machen. Unter der Überschrift Why bad guys matter – they put the failed in failed states“ hat sich der Entwicklungsökonom Paul Collier in einem der Artikel mit den ökonomischen Unterschieden zwischen Demokratien und Autokratien beschäftigt, dort fällt dieser bemerkenswerte Absatz:

In a celebrated study, economists Benjamin Jones and Benjamin Olken looked at whether the death of a country’s leader altered economic growth. It did, sometimes for better and sometimes for worse. Recently, an Oxford colleague, Anke Hoeffler, and I sifted through their results again, distinguishing this time between democrats and autocrats. We found that in democracies, changing the leader does not change growth – all leaders are disciplined to perform tolerably. But in autocracies, the growth rates are as unpredictably varied as the leaders’ personalities. Here lies the difference between good leaders and great ones: Good leaders put right the policy catastrophes of bad leaders; great leaders, like the men who shaped the U.S. Constitution, build the democratic checks and balances that make good leaders redundant.

Abgesehen davon, dass Trump derzeit so etwas wie den ultimativen Stresstest für die US-Verfassung darstellt (zumindest bei der Wirtschaft besteht sie ihn noch), zeigt der Absatz, dass Autokratien zum wirtschaftlichen Performen auf gute Herrscher angewiesen sind, andernfalls geht die Ökonomie vor die Hunde. Gute Herrscher wie etwa Deng Xiaoping, der mit seinen Reformen die Grundlage für das enorme Wirtschaftswachstum der Volksrepublik China gelegt hat, die vormals das Armenhaus der Welt war. Oder – im Idealfall – wie Lee Kuan Yew, der in den Jahrzehnten seiner Herrschaft über Singapur nicht nur eine formidable ökonomische Erfolgsgeschichte hingelegt, sondern das Land auch noch in eine funktionierende Demokratie überführt hat. Womit er die Grundlagen dafür schuf, dass Singapur nicht mehr auf gute Herrscher wie ihn angewiesen ist (Bertolt Brechts unentbehrlicher Beamte in den Geschichten vom Herrn Keuner hätte große Augen gemacht).

System des Grauens

Herrscher wie Deng Xiaoping (oder gar Lee Kuan Yew) sind jedoch die Ausnahme, in der Regel nehmen Autokratien den Menschen nicht nur ihre politischen Freiheiten, sondern rauben ihnen auch ihre ökonomischen Zukunftsperspektiven; Mohamed Bouazizi hat sich in Sidi Bouzid nicht aus Spaß oder Langeweile abgefackelt, sondern weil ihm die schikanöse Kleptokratie Zine el-Abidine Ben Alis die Hoffnung auf ein besseres Leben genommen hatte. Und auch die Menschen, die derzeit auf Irans Straßen dem Regime die Stirn bieten (und dafür gerne auch mal in den Foltergefängnissen landen), tun dies nicht, weil sie abends vor dem Schlafengehen Simone de Beauvoir oder Theodor W. Adorno gelesen haben, sondern weil ihnen nach fast vier Jahrzehnten des Ayatollah-Regimes ökonomisch das Wasser bis zum Hals steht.

I love you so much. And I hate this war so much, in Deutschland gibt es mit jedem Jahr der Ayatollah-Herrschaft mehr Exil-Iraner. Und wenn man sich einfach mal die Mühe macht, Exil-Iraner auf der Arbeit, in der Universität oder in der Kneipe auf ihre alte Heimat anzusprechen, dann fallen sie meist recht schnell in den Nostalgie-Modus. Und je länger man ihnen zuhört, desto mehr verdichtet sich einem das Bild, das die Exil-Iraner vom Iran mit sich herumtragen: Sie lieben das Land, sie hassen das Regime.

Und sie haben jeden Grund dafür, ein Regime, das sogar minderjährige Vergewaltigungsopfer wegen Ehebruchs hinrichten lässt, ist schlichtweg ein Drecksregime. Für den notorischen Händeschüttler Sigmar Gabriel mag Hassan Rohani das Gesicht des Irans sein, für die Exil-Iraner ist Rohani nur eine weitere Fratze des verhassten Drecksregimes, das das ganze Land in Geiselhaft genommen hat. Hätte Donald Trump sich die Exil-Iraner – die meist auch noch ziemlich anständige Menschen sind – zum Vorbild genommen und zwischen Land und Regime unterschieden, die Empörung wäre weitaus geringer als bei den „Dreckslochländern“ ausgefallen. Bei „Drecksregime“ und „Dreckssysteme“ handelt es sich zwar ebenfalls noch um Vulgärsprache, wir haben jedoch 2018 und der amerikanische Präsident ist auch nicht die Queen.

Aber „Menschen aus Drecksregimen“ läuft womöglich Trumps Intention zuwider, denn „Regime“ klebt nicht an den Menschen, es taugt nicht als Stigma. „Menschen aus Dreckslochländern“ hingegen schon; es klebt an ihnen, als seien sie menschliche B-Ware, als wäre die Abstammung fürs wirtschaftliche Performen entscheidend, nicht das politische System. Dass die Produktivitätskluft zwischen der BRD und der DDR trotz ähnlichem Menschenmaterial breit wie der Grand Canyon war, geht vermutlich schon gar nicht mehr in seinen Kopf, dass schwarze Einwanderer in den USA sogar überdurchschnittlich performen, noch viel weniger, schließlich müsste der alte Mann mit dem blondierten Haar dann sein krudes Weltbild hinterfragen. Und das Hinterfragen ist eine Disziplin, bei der narzisstische, vorurteilsbeladene Menschen ganz mies performen, in diesem Fall sogar vollkommen unabhängig vom System.

 


*Die Grafik zu diesem Text stammt von „Our World in Data“ und lässt sich hier interaktiv von 1981 bis 2014 abspielen. Mehr über die Hintergründe – etwa, dass die Armut weltweit und auch in Afrika auf dem Rückzug ist – findet sich dort in dem Beitrag Global Extreme Poverty.




Lebt und arbeitet in Berlin und Hamburg. Mag Karl Popper, Brutalismus und die Ramones.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com