Der Fortschritt Amerikas, Domenico Tojetti, 1875, Oakland Museum of California © Gemeinfrei

So wird die Zukunft aussehen – eine Prophezeiung

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Lässt sich schon heute sagen, wie der Planet in 20 Jahren aussehen wird? Unser Kolumnist macht sich Gedanken über Fortschritt, Technologie, Religion und Politik.

Eigentlich, so denkt es manchmal in mir, müsste es möglich sein, sich die Zukunft auszurechnen. Schließlich sind alle Determinanten, oder doch die meisten, bekannt. Voilà:

Auf der Habenseite:

Seit zweihundert Jahren hat jenes Wirtschaftssystem, das wir (je nachdem) „Kapitalismus“ (Marx etc.), „freie Marktwirtschaft“ (Adam Smith et al.) oder „zinsgetriebene Eigentumswirtschaft“ (Heinsohn, Steiger) nennen, dafür gesorgt, dass die Reichen immer reicher – und die Armen auch immer reicher wurden. Heute leben zehn Prozent der Weltbevölkerung unter der absoluten Armutsgrenze; um 1800 waren es noch an die hundert Prozent der Weltbevölkerung, die nicht mehr als drei oder vier Dollar pro Tag zur Verfügung hatten. Der „Economist“ warnt uns, dass die letzte Strecke der Etappe – die vollständige Eliminierung der Armut – schwer sein und noch eine Zeit dauern wird. Aber der Pfeil zeigt in die richtige Richtung. Auch der amerikanischen Mittelklasse geht es (obwohl ihr gerade eben noch schwere Zeiten prophezeit wurden) nach den jüngsten Zahlen aus dem Jahr 2016 prima.

Wir durchleben gerade eine der aufregendsten technologischen Revolutionen der Geschichte. Erst hat die Mechanisierung dafür gesorgt, dass heute kaum noch ein Mensch sich mit Landwirtschaft herumplagen muss, also die Bauernschaft weitgehend abgeschafft. Dann hat die Automatisierung das Proletariat in seiner herkömmlichen Form abgeschafft, so dass wir jetzt in einer Dienstleistungsgesellschaft leben. Jetzt wird dank der Computer- und Robotertechnik und der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz auch noch diese Form der Plackerei abgeschafft. Vielleicht wird (ein großartiger historischer Witz) bald der Kapitalismus das Versprechen des Kommunismus einlösen: „Jeder nach seiner Fähigkeit, jedem nach seinem Bedürfnis!“

Die Verstädterung nimmt zu. Das ist eine gute Nachricht, weil es bedeutet, dass immer größere Teile des Planeten wieder zu Wildnis werden können – die zwei Jahrhunderte, in denen der Mensch die Natur wie ein zu okkupierendes Feindesland behandelt hat, gehen ihrem Ende zu. Gleichzeitig hat sich in den Großstädten dieser Erde – sei es in Berlin, Johannesburg, New York, Tel Aviv oder Tokyo – ein ähnlicher Menschenschlag herausgebildet: ironisch, grundsätzlich Neuem aufgeschlossen, und vollkommen selbstverständlich offen für Minoritäten aller Haar- und Hautfarbe und sexuellen Orientierung. Ein nicht unbedeutendes Zeichen für diesen Fortschritt ist übrigens, wie behindertenfreundlich Städte in den letzten 20 Jahren geworden sind.

Und jetzt schauen wir mal nach, wie weit wir mit der Entwicklung des Fusionsreaktors sind: Der Wendelstein-7-X-Reaktor läuft seit Ende 2016 so, wie er soll. Und GeneralFusion in Kanada behauptet, diese Firma könnte für eine Milliarde Dollar einen Reaktor bauen, der Strom produziert, und die Leute von MIT in Boston sagen, dieser Weg sei theoretisch gangbar.

Auf der Sollseite:

Die Religionen zeigen uns zurzeit beinahe alle ihr hässliches Gesicht. Am auffälligsten ist das natürlich beim Islam: die arabische Welt durchlebt gerade ihre Version des Dreißigjährigen Krieges, mit beinahe allen Gräueln, die Grimmelshausen in seinem großen Roman beschrieben hat. Aber die beiden ersten Großverbrechen des 21. Jahrhunderts wurden (bzw. werden) im Namen Buddhas begangen: das Massaker an den Tamilen in Sri Lanka, die Vertreibung der Rohingya aus Burma. Und auch Teile der Christenheit werden immer härter, unbarmherziger. Gewiss, es gibt Gegenstimmen, aber sie sind bemerkenswert schwach. Wie viele Imame hören wir sagen: „Allah wird nicht beleidigt, wenn irgendein nebbicher Karikaturist den Propheten Mohammed zeichnet, sondern wenn in seinem Namen Frauen und Kinder umgebracht werden, sei es in Aleppo oder im Westjordanland“? Wie viele buddhistische Mönche predigen: „Wenn wir unsere muslimischen Brüder und Schwestern vertreiben, handeln wir uns ein ganz schlechtes Karma ein“? Wie viele Evangelikale in Amerika sind der Meinung: „Es steht geschrieben `Was ihr am geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr an mir getan´ – und der geringste Bruder, das ist der illegale Einwanderer aus Mexiko“? Wir durchleben eine Phase der herrischen Unduldsamkeit, des Fanatismus, die an das 16. Jahrhundert erinnert und Montaigne wie einen unserer Zeitgenossen erscheinen lässt.

Wir wissen noch nicht sehr gut, wie wir mit den neuen Medien umgehen sollen. Auch das erinnert an das 16. Jahrhundert: Die Erfindung der Guttenberg-Presse führte zur Reformation, zu zwei Jahrhunderten der religiösen Metzeleien – und danach, als sich ein neues Gleichgewicht eingestellt hatte, zur Erfindung der liberalen Demokratie und einer freien Presse. Die neuen Mainstreammedien Facebook und Twitter sind im Begriff, die alten Mainstreammedien (Zeitungen, Radio, Fernsehen) ihrer Existenzgrundlage zu berauben. Und sie dienen als Mittel, um Lügen und Hass zu verbreiten (manchmal planmäßig) und erzeugen dabei ganze Bevölkerungsgruppen, die in einem virtuellen Paralleluniversum zuhause sind, in dem es keine Fakten mehr gibt, nur noch Gerüchte. Und diese Gerüchte werden – wenn sie die vorgefasste Meinung bestätigen – selbstverständlich für wahr gehalten. Eigentlich gibt es keine Möglichkeit, in diese Parallelwelten vorzudringen. Sie sind auf eine Weise luftdicht abgeschirmt, wie es die totalitären Systeme nie gewesen sind; ihre Abwehr gegen Fakten basiert auf Selbstabschottung.

Putins Russland toxischer als die Sowjetunion

Das nationalistisch-pseudochristliche Russland Wladimir Putins hat eine toxische Wirkung entfaltet, wie das der Sowjetunion nie gelungen ist. Die Sowjetunion hat ekelhafte „nationale Befreiungsbewegungen“ in der Dritten Welt mit Waffen ausgerüstet und gegen Regime, die mit dem Westen verbündet waren, lange Kriege geführt – auf Kosten der dortigen Bevölkerungen. Aber es ist ihr nie gelungen, die liberalen Demokratien zu unterminieren. Auch der „Friedensbewegung“ gelang das nicht. Putin hat es geschafft. Er hat dazu beigetragen, dass sein Autokrat in Washington als Präsident installiert wurde; bald wird er mit der AfD und der Linkspartei über gleich zwei trojanische Pferde im Deutschen Bundestag verfügen.

Auf der ganzen Welt ist eine Verschiebung hin zu mehr Autoritarismus festzustellen. Systeme, die schon autoritär waren, werden noch autoritärer (China); Systeme, die bisher liberal im westlichen Sinne waren, werden jetzt vom autoritären Virus befallen (Vereinigte Staaten). Anders als in den totalitären Diktaturen des 20. Jahrhunderts geht es dabei, wie David Frum festgestellt hat, nicht mehr darum, den Unschuldigen zu verfolgen; es geht darum, den Schuldigen zu beschützen. Das grundlegende Gefühl in Putins Russland ist nicht Angst (wie unter Stalin), sondern ein grenzenloser Zynismus.

Wir wissen noch nicht, was jene Leute tun werden, die durch die Automatisierung ihre Arbeitsplätze verlieren. Bedingungsloses Grundeinkommen? Negative Einkommenssteuer? Wo sind die neuen Berufe, die dank der jetzigen technologischen Revolution entstehen werden? Wir sehen sie noch nicht.

Krisenherde: Indien-Pakistan. Afghanistan. Israel-Iran. Südchinesisches Meer. Nordkorea. Russland-Baltikum. An jedem dieser Orte könnte jederzeit ein Krieg ausbrechen. Und die Vereinigten Staaten fallen auf absehbare Zeit als Führungsmacht aus.


Und in mir denkt es: Wenn man an den richtigen Stellen Subtraktions- und Additionszeichen einsetzt, multipliziert und dividiert, müsste man ausrechnen können: So oder so wird der Planet in 20 Jahren aussehen. Und im Grunde will ich natürlich hören: Wird schon nicht so schlimm werden. Dabei müsste ich – Autor zweier Romane, in denen es ganz wesentlich um die Rolle des Zufalls geht – doch selber am besten wissen: Die Geschichte ist kein Rechenexempel.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Zuletzt erschien der Roman "Der Komet", erhältlich als kiwi-Taschenbuch.


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