Ja, auch an Woodstock sind die Babyboomer schuld. Ric Manning/Wikipedia Commons/CC BY 3.0

Schlechter als ihr Ruf

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Eine Generation der Liebe und des Friedens: so sehen sich die Babyboomer gerne. Unser Autor kann in ihnen hingegen nur eine narzisstische und vergnügungssüchtige Alterskohorte erkennen – die sich schnellstmöglich in den Ruhestand verabschieden sollte.

Mein Beitrag zu dem lustigen Streit um Millennials und Babyboomer, den mein Freund Andreas Öhler angezettelt hat, besteht aus ein paar Anmerkungen zum Festival von Woodstock, das 1969 stattfand – nicht sehr weit von dort, wo ich jetzt wohne, in den Catskill Mountains. Dieses Festival bezeichnen viele Angehörige der „Babyboomer“-Generation (nämlich jene, die eher links und hippiemäßig unterwegs waren) als prägendes Erlebnis. Sie schwärmen mit leuchtenden Augen davon und behaupten, es sei ganz, ganz toll gewesen.

Ich bin nicht dabei gewesen (Jahrgang 1965, also Generation X: viel zu jung für einen Alt-Achtundsechziger – und viel zu alt für einen Millennial); aber ich weiß trotzdem ich paar Dinge darüber. Vor allem weiß ich das Wichtigste: Alles an Woodstock ist eine Lüge. Wirklich alles. Es waren keine „drei Tage voller Liebe und Frieden“, keine gelebte Utopie in Upstate New York. Es fängt damit an, dass das Festival gar nicht in Woodstock stattfand, sondern in Bethel (so wie die große sozialistische Oktoberrevolution, die weder groß noch sozialistisch noch eine Revolution war und sich nach dem modernen Kalender im November ereignete). Und Bob Dylan war nicht dort, auch wenn hunderttausend Augenzeugen beharrlich das Gegenteil behaupten: Bob Dylan wohnte damals tatsächlich in Woodstock, und die Hippies gingen ihm dermaßen auf die Nerven, dass er sie am liebsten mit seiner Knarre über den Haufen geknallt hätte.

Nichts an dem Festival war großartig. Es regnete; das Ganze versank im Schlamm; weinende Kinder liefen im Elend herum, weil ihre zugekifften Eltern gerade keine Zeit hatten, sich um sie zu kümmern; am Ende mussten Helikopter der Armee die Blumenkinder aus dem selbstverschuldeten Dreck retten, und die stockkonservativen Bauern der Umgebung machten Sandwiches, ohne die die guten Leute dort glatt verhungert wären. Die meisten Musiker dort waren eher dritte Garnitur; und die wenigen Genies, die in Bethel auftraten, waren wenig später tot – krepiert an den Drogen.

Was lehrt uns das?

Es gibt etwas, das ich „den Ethos von Woodstock“ (bzw. Bethel) nennen möchte. Dieser Ethos lässt sich auf folgenden einfachen Nenner bringen: „Ich will meinen Spaß, ich will ihn sofort, und die Folgen sind mir egal.“ Diesen Ethos scheinen mir tatsächlich viele Angehörige der Achtundsechziger-Generation verinnerlicht zu haben, und zwar nicht nur jene verschwindende Minderheit, die politisch links war, sondern auch Leute, die sich selber für Konservative halten. Nehmen wir die fanatischen Anhänger der „National Rifle´s Association“ hier in Amerika: Die meisten sind Sechzig- und Siebzigjährige, die auf ihrem Recht auf Waffenbesitz bestehen – und alles, aber auch wirklich alles ablehnen, was es irgendwelchen Irren schwerer machen könnten, an halbautomatische Waffen zu gelangen. Die toten Kleinkinder in Sandy Hook ließen die kalt. Die toten Jugendlichen in Parkland lassen die kalt. Dass morgen mein kleiner Sohn unter den Opfern sein könnte, lässt diese Arschlöcher kalt.

Gegen diese Eiseskälte haben sich vor einem Jahr die überlebenden High-School-Kids in Florida erhoben. Sie haben es binnen kürzester Zeit geschafft, eine Massendemonstration auf die Beine zu stellen, an der übrigens auch ihre Eltern, auch ihre Lehrer teilnahmen. Sehr diszipliniert. Und politisch klug: Die Maßnahmen, die die Parkland-Kids fordern, sind nichts als vernünftig. Die „NRA“ sieht dank dieser jungen Leute auf einmal gar nicht mehr so mächtig aus. Und ich habe nichts als Hochachtung vor ihnen.

Noch einmal ein eigenes Kapitelchen wären übrigens jene Achtundsechziger wert, die grade gestern Massenmörder wie Mao oder Che Guevara verehrt haben und jetzt rabiate Deutschnationale bzw. fundamentalistische Christen bzw. (bei uns) Trump-Anhänger geworden sind – aber nun als Rechte im Grunde denselben Blödsinn verzapfen wie gerade gestern, nur halt andersrum. Eigentlich verspüre ich wenig Lust, mich von denen belehren zu lassen. Gewiss, Millenials verzapfen auch allerhand Unsinn, siehe etwa unsere Alexandria Ocasia-Cortez. Aber bei AOC habe ich immerhin das Gefühl, dass sie lernfähig ist. Bei Leuten wie Donald Trump sehe ich das eher nicht.

Denn – jawohl – auch Trump ist ein „Babyboomer“! Und zwar sogar ein ziemlich typischer: Hat sich immer vor der Verantwortung gedrückt. Will sofort seinen Spaß. Und verfolgt ein Regierungsprogramm, das unter dem Motto „Nach uns die Sintflut“ steht. Ich möchte eigentlich nur noch eins: Dass sich diese narzisstische Alterskohorte endlich in den Ruhestand verabschiedet.

Lesen Sie auch: Liebe Millennials ,… von Andreas Öhler, Lieber Babyboomer, … von Judith Sevinç Basad und Generationeneinerlei von Konrad Müller




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".