Mit letzter Kraft. Verwirrt durch Pestizide sammelt diese Honigbiene nutzlosen Nektar statt Honig. Stirbt sie bald aus? Foto: Johannes Kaufmann

Mythenjagd (10): Erst stirbt die Biene, dann der Mensch

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Obwohl Krankheiten und Parasiten wie die Varroamilbe vielen Bienenvölkern zusetzen, ist die Honigbiene nicht vom Aussterben bedroht. Das ändert sich auch nicht durch erfundene Zitate großer Physiker.

Albert Einstein mahnte: „Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben.” Und wer sollte es besser wissen als der als genialer Bienenkundler bekannt gewordene Nobelpreisträger und Hobby-Physiker? Der Satz dürfte zu seinen meistzitierten Aussagen zählen – so wie der mit der Unendlichkeit und der menschlichen Dummheit.

Leider haben die vielen Menschen, die sich in ihrem Kampf für die Bienen auf Einstein berufen – wie die Firma Schwartau, die BILD-Zeitung, unzählige Hobby-Imker, Pro7, der leidenschaftliche österreichische Umwelt- (‘tschuldigung Heimat!-) schützer HC Strache und viele viele Grüne, darunter natürlich (!) der stets verlässlich daneben liegende ehemalige Umweltminister Niedersachsens, Christian Meyer – die weise Mahnung Abraham Lincolns vergessen: „Das Problem mit im Internet gefundenen Zitaten ist, dass sie häufig nicht stimmen.“

So ist es auch mit Einsteins Exkurs in die Apidologie. Erstmals zitiert wurde die Einsteinsche Bienen-Mensch-Apokalypse in einem französischen Magazin mit dem Titel „La Vie des Bêtes et l’Ami des Bêtes“. Da war Einstein schon tot und konnte sich nicht mehr gegen solche Zuschreibungen wehren. Anschließend wurde das Zitat im Magazin der französischen Imkereivereinigung (UNAF) und später von „The Irish Beekeeper“ übernommen, und so weiter – bis hin zum französischen Landwirtschaftsministerium. Was kann man sich schließlich mehr wünschen, als das größte Genie des 20. Jahrhunderts für sich ins Feld führen zu können?

Pflanzen gibt es auch ohne Bestäuber

2007 stellte das Albert-Einstein-Archiv in Jerusalem auf eine Anfrage der ZEIT allerdings endgültig klar, dass es keinen Hinweis darauf gibt, dass der Physiker den ihm zugeschriebenen Satz gesagt hat. Der Entstehungsgeschichte des Zitats ist der Quote Investigator im Detail nachgegangen.

Dabei ist schon die Präzision der Aussage bemerkenswert: vier Jahre bis zum Untergang. Warum nicht fünf? Oder drei? Und wie soll Einstein das berechnet haben? Selbstverständlich haben Bienen eine wichtige Funktion als Bestäuber, aber eine so konkrete Zeitangabe für die Folgen des Ausfalls eines einzelnen Einflussfaktors in einem komplexen System sollte misstrauisch machen.

Und die Prophetie geht sogar noch weiter. Dem zitierten Satz folgt häufig ein weiterer: „Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, kein Mensch mehr.“ Spätestens hier muss das Misstrauen in Unglauben umschlagen. Ohne Bienen keine Pflanzen? Bei allem Respekt für die Arbeitswut der Biene, aber so umtriebig, dass sie für die Bestäubung sämtlicher Pflanzen des Planeten zuständig wäre, ist sie nicht – auch wenn manche „funky“ Schüler-Reporterin das glauben mag.

Nicht nur, dass es jede Menge andere Bestäuber neben den Bienen gibt – darunter vor allem Fliegen sowie Käfer, Motten, Schmetterlinge und sogar Ameisen –, die bis zu 50 Prozent aller Bestäubungsarbeit leisten. Viele wichtige Pflanzen müssen auch überhaupt nicht von Insekten besucht werden, weil der Wind die Bestäubung übernimmt. Dazu zählen unter anderem Weizen, Mais, Reis, Roggen, Gerste, Hafer und Hirse. Allein die ersten drei liefern mehr als die Hälfte aller von Menschen verzehrten Kalorien. In Nordamerika gab es bis zum 18. Jahrhundert überhaupt keine Honigbienen. Gerüchten zufolge soll es dort aber trotzdem schon bei der Ankunft der ersten Europäer Menschen und sogar Pflanzen gegeben haben.

Es stimmt, dass die Biene einen großen Anteil an der Geschmacksvielfalt auf unserem Esstisch hat. Das gilt vor allem für Früchte und Gemüse. Leer wäre der Tisch ohne Maja und Willi aber nicht.

Und die Honigbiene stirb auch nicht aus

Doch nicht nur der zweite Teil der Apokalypse muss abgeblasen werden, sondern auch der erste: „Insgesamt geht es den Honigbienen in Deutschland gut“, sagt Dr. Jens Pistorius. Und der sollte es wissen, schließlich leitet er am Julius-Kühn-Institut für Kulturpflanzenforschung (JKI) in Braunschweig das einzige bundesweit zuständige Institut für Bienenschutz. Und auch die Statistik deutet nicht gerade auf ein Aussterben hin: In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Bienenvölker in Deutschland von 670.000 auf rund 820.000 gestiegen.

Tatsächlich kann es immer vorkommen, dass Bienenvölker plötzlich sterben. In den USA machte Imkern vor einigen Jahren das „Colony Collapse Disorder“ (CCD) zu schaffen, das plötzliche Verschwinden der Arbeiterbienen. Die Leichen der Bienen konnten weder im Stock noch in der näheren Umgebung gefunden werden.

Doch das Phänomen ist seit Jahren rückläufig. Und es hat auch nicht das Überleben der Art bedroht. Honigbienen sind Nutztiere. Sie werden in dem Umfang nachgezüchtet, wie sie gebraucht werden. Zu behaupten, die Honigbiene sterbe aus, weil einige Völker kollabieren, ist etwa so, als würde man sagen, das Hausschwein sterbe aus, wenn mehrere oder sogar viele Großställe von einer Seuche heimgesucht werden.

Das Problem sind vor allem Parasiten wie die Varroamilbe

Insgesamt blieb der Honigbienen-Bestand auch während der Zeit des CCD relativ konstant. Auch die immer wieder als Bienenkiller genannten Pestizide aus der Klasse der Neonicotinoide haben daran nichts geändert. Die hatten 2008 im Oberrheingraben den Tod von mehreren Tausend Bienenvölkern verursacht. Bei der Aussaat von mit Neonicotinoiden gebeiztem Mais-Saatgut gelangte damals pestizidhaltiger Staub in die Abluft der Saatmaschine und wurde vom Wind verteilt.

Seitwärts in den Untergang. Quelle: Jahresbericht der USDA zu Honig-produzierenden Bienenstöcken in den USA.

Der Unfallhergang wurde untersucht, in der Folge wurde diese Anwendung von Neonicotinoiden sofort verboten. Andere Anwendungen wurden untersucht, zugelassen sind in der EU nur noch solche, von denen keine Gefahr für Bienen ausgeht. Dazu gehört beispielsweise der Einsatz in Zuckerrüben. Dabei entsteht kein Staub, und die Rüben bieten weder Nektar noch Pollen, weil sie vor dem Blühen geerntet werden. Dennoch wird nun das vollständige Verbot der Wirkstoffe gefordert, obwohl dies wohl überhaupt keine Auswirkungen auf Bienen hätte. Denn laut Dr. Pistorius vom Institut für Bienenschutz gibt es in Deutschland seit 2008 keine wissenschaftlichen Belege mehr dafür, dass Bienen bei sachgemäßer Anwendung von Neonicotinoiden geschädigt wurden.

Die trotz allem teils gravierenden Probleme der Imker, ihre Bienen gesund zu halten, gehen auf Fehler der häufig von Amateuren betriebenen Haltung, auf Parasiten wie Nosema ceranae, vor allem aber auf die Varroamilbe zurück.

Michael Burgett, Insektenforscher an der Oregon State University and Co-Autor des Jahresberichts des US-Landwirtschaftsministeriums zum Zustand der Bienenvölker in den USA, konstatiert: „In einer Top-Ten-Liste der Gründe für das Sterben von Bienenstöcken würde ich Pestizide auf Platz 11 setzen.“


Bio bedeutet ungespritzt. Kernreaktoren können explodieren. Kuba hat ein vorbildliches Gesundheitssystem. Der Körper kann entschlackt werden. Die Meere sind überfischt. Wassersparen schont die Umwelt. Tierversuche sind überflüssig. Homöopathie ist keine Magie. Homosexualität ist unnatürlichIn unregelmäßigen Abständen begibt sich Johannes Kaufmann hier auf Mythenjagd. Themenvorschläge werden gern entgegengenommen.

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Johannes Kaufmann hat schon vieles gemacht. Zum Beispiel Chemie studiert, eine Karriere als Profifußballer angestrebt und eine Doktorarbeit über israelische Militärgeschichte geschrieben. Außerdem hat er vieles nicht zu Ende gemacht. Zum Beispiel sein Chemiestudium, die Karriere als Profifußballer oder seine Doktorarbeit. Mit Umwegen über Uni, Israel, die Physikalisch-Technische Bundesanstalt etc. ist er mittlerweile als Wissenschaftsredakteur bei der Braunschweiger Zeitung gelandet, wo er besonders gern über Agrarforschung, Lebensmittelsicherheit, Infektionsforschung, Gentechnik und Kometenlanderoboter schreibt.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com