Trügerisches Idyll? Die Küste von Funafuti, einem Atoll des Inselstaats Tuvalu. Stefan Lins Wikimedia (CC BY-SA 2.0)

Mythenjagd (13): Tuvalu und Kiribati versinken im Meer

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Im Südpazifik steigt der Meeresspiegel doppelt so schnell wie im weltweiten Durchschnitt. Bewohner dort liegender Inselstaaten werden bereits als Klimaflüchtlinge bezeichnet, die von ihren versinkenden Inseln umgesiedelt werden müssten. Der Untergang findet allerdings nur auf dem Papier statt.

Es gehört zum etablierten Prozedere internationaler Klimakonferenzen, dass die Präsidenten von Südsee-Inselstaaten wie Kiribati auf die dramatischen Auswirkungen des Klimawandels auf ihre Heimat hinweisen und großformatige Umsiedlungen der Bevölkerung ins Spiel bringen. Das ist verständlich und nachvollziehbar, immerhin geht es um viel Geld: Ab 2020 soll die Weltgemeinschaft über den Grünen Klimafonds jährlich 100 Milliarden US-Dollar für die Anpassung an die Auswirkungen des Klimawandels bereitstellen.

Da kann es nicht schaden, die Lage möglichst dramatisch darzustellen. Und es stimmt: Die Inselstaaten haben ernsthafte ökologische Probleme (dazu später mehr). Einige Bewohner der Inseln haben bereits Asyl in anderen Staaten wie Neuseeland beantragt – bisher erfolglos.

Relotius blickt von Los Angeles bis Kiribati

Der Begriff Klimaflüchtling hat sich in diesem Zusammenhang aber immerhin fest etabliert. Taz-Redakteurin Anja Krüger, die die Kritik eines Salonkolumnisten an der Instrumentalisierung Greta Thunbergs dem Toben eines „rechten Onlinemobs“ zuschlägt, weiß: „In der Südsee müssen die Menschen bereits ihre Inseln verlassen, weil der Meeresspiegel steigt.“

Das wusste auch der mittlerweile als Betrüger entlarvte ehemalige Spiegel-Starreporter Claas Relotius. Der hielt es nicht einmal für nötig, sich vor Ort umzuschauen, um seine Geschichte über den Untergang Kiribatis zu spinnen. In einem Hotelzimmer in Los Angeles phantasierte er: „Die drei Siedlungen auf Kiribatis östlichem Atoll Kiritimati waren einst vom Weltumsegler James Cook der Bequemlichkeit halber so benannt worden. Und jetzt standen London, Paris, Polen zur Hälfte unter Wasser.“ Um schließlich seinen Protagonisten rätseln zu lassen: „Er kann nicht errechnen, wie viel Land es Jahr für Jahr von seinem Strand verschlingt.“

Das konnten die viel gerühmten Spiegel-Dokumentare auch nicht. Und was sie offenbar ebenfalls nicht konnten, war die Prüfung der allgemein für wahr gehaltenen Geschichte von den versinkenden Südsee-Atollen. Dabei hätte eine kurze Google-Recherche oder zum Beispiel ein Blick ins Archiv von „Spektrum der Wissenschaft“ (Juni 2015) ausgereicht, um zu erkennen: Hier stimmt etwas nicht. Der von Relotius erträumte Strand schrumpft nicht nur nicht, er wächst sogar! Das hatte der Spiegel wenige Monate zuvor sogar selbst vermeldet.

Falsch bleibt falsch – auch wenn es im Dienst des Klimaschutzes steht

Um der Gefahr zu entgehen, als zweiter Salonkolumnist vom Umweltbundesamt auf die Schwarze Liste unliebsamer Klima-Journalisten aufgenommen zu werden, sei eines vorweggestellt: Es soll hier nicht darum gehen, den Klimawandel (oder gar das Klima) zu leugnen. Aber auch eine Falschaussage im Dienst der guten Sache bleibt falsch. Die ökologische Notwendigkeit, aus der Kohleverstromung auszusteigen, macht aus dem Hambacher Forst, einem Wäldchen von der Größe eines mittleren Stadtparks, nicht plötzlich „den letzten großen Mischwald Mitteleuropas“, wie sich manch eine Politikerin bei Facebook herbeisehnte. Und die reale Gefahr eines durch die Klimaerwärmung ausgelösten Anstiegs des Meeresspiegels macht aus Tuvalu kein modernes Atlantis.

Viele Atolle sind in den vergangenen Jahrzenten gewachsen

Schon 2010 konnten die Geowissenschaftler Arthur P. Webb und Paul S. Kench anhand von bis zu 61 Jahre alten Luftbildern und neueren Satellitenaufnahmen zeigen, dass 86 Prozent der 27 untersuchten Atolle im zentralen Pazifik entweder gleich groß geblieben oder sogar gewachsen sind. Inseln seien „geomorphologisch persistente Gebilde“, die auf Atoll-Gestein gelagert seien und auch bei steigendem Meeresspiegel wachsen könnten.

2018 aktualisierte Kench seine Forschung in „Nature Communications“ unter Betrachtung von Luftbildern der 101 Inseln von Tuvalu. Zwischen 1971 und 2014 sei der Meeresspiegel in dieser Region mit rund 0,4 Millimetern pro Jahr zwar doppelt so schnell gestiegen wie im globalen Durchschnitt, zugleich habe die Landmasse der Inselnation aber um 2,9 Prozent (73,5 Hektar) zugenommen – wobei etwa drei Viertel der Inseln gewachsen, manche aber auch geschrumpft seien. Inseln, schreiben die Autoren von der University of Auckland in Neuseeland, seien „dynamische Gebilde“, die auch im kommenden Jahrhundert noch bewohnbar sein würden. „Der dominierende Prozess auf Tuvalu war in den letzten Jahrzehnten Wachstum, nicht Erosion.“

Ursache dieses Phänomens ist offenbar die verstärkte Anlagerung von Sediment durch das Meer an den Küsten der Inseln. Auch Stürme können zum Wachstum beitragen, indem sie Riffgestein und Korallen zerschlagen und die zerkleinerten Bruchstücke in seichtem Wasser vor den Inseln anspülen.

Tuvalus Premierminister, Enele Sopoaga, war von diesen Erkenntnissen wenig begeistert. Im Dezember 2014 hatte er auf dem Klimagipfel in Lima die anwesenden Staatslenker theatralisch gefragt: „Was würden Sie tun, wenn Sie mit dem Untergang Ihrer Nation konfrontiert wären?“. In schlaflosen Nächten frage er sich: „Werden wir überleben? Oder werden wir unter dem Meer verschwinden?“ In einer eilig einberufenen Pressekonferenz beklagte er nun, dass die Wissenschaftler vor Veröffentlichung ihrer Studie nicht eine Bestätigung der Behörden von Tuvalu eingeholt hätten.

Inselstaaten leiden unter Überbevölkerung und Wassermangel

Dass Inselstaaten wie Tuvalu oder Kiribati, die unzweifelhaft mit ernsten Problemen zu kämpfen haben, die Gelegenheit nutzen, die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zu lenken, ist verständlich. Doch die Untergangshysterie verführt zu undurchdachten Spontanaktionen. Dabei blieben den Inseln „mindestens einige Jahrzehnte, die sich für Anpassungsmaßnahmen statt dem Schmieden von Evakuierungsplänen nutzen lassen“, schreibt der Klimatologe Simon D. Donner von der kanadischen University of British Columbia in „Spektrum der Wissenschaft“ (Juni 2015) und konstatiert: „Das fatale Gerede über rasch untergehende Inseln wirkt dabei nur kontraproduktiv.“

Denn statt Land auf den Fidschi-Inseln zu kaufen, müsste die Regierung vor allem das rasche Bevölkerungswachstum in den Blick nehmen. Anders als der Gaza-Streifen zählt die (wachsende) Insel Betio mit mehr als 10.000 Einwohnern pro Quadratkilometer tatsächlich zu den am dichtesten besiedelten Orten des Planeten. Die Böden der Koralleninseln sind zu karg, die Humus-Schicht ist zu dünn, um so viele Menschen zu ernähren.

Ähnlich ist es mit dem Grundwasser: Die übermäßige Entnahme und manches hydrologisch problematische Bauprojekt führen dazu, dass salziges Meerwasser in die Aquifere drückt. Der steigende Meeresspiegel kann diesen Effekt verstärken, das Problem gäbe es aber auch ohne den Klimawandel. Geld aus dem Grünen Klimafonds wäre darum wohl in Meerwasserentsalzungsanlagen besonders sinnvoll investiert.

Der Reiz des Untergangs: Exodus trumpft mühselige Anpassung

„Hektischer Aktionismus wie Landkäufe oder punktuelle Hilfsprojekte bringen nichts“, schreibt auch Simon D. Donner. Wirklich wirksame Maßnahmen, er nennt als Beispiel den Bau speziell angepasster Dämme und deren Bepflanzung, würden „unspektakulär, mühsam und aufwändig sein“.

Mit anderen Worten: wenig nachrichtentauglich und ziemlich unsexy im Sinne preisverdächtiger Relotius-Reportagen im Spiegel. Mittlerweile hat das Magazin übrigens eine Korrektur zur Untergangsprosa des ehemaligen Star-Reporters veröffentlicht: „Relotius behauptet im Text unter anderem, die drei Orte London, Polen und Paris auf dem Atoll Kiritimati seien überschwemmt und ‚so gut wie menschenleer‘. Als Siedlung aufgegeben wurde jedoch nur Paris – Polen und London sind nach wie vor bewohnt.“

Dass aber auch Paris nicht „untergegangen“ ist, wie es im Titel des Artikels heißt, sondern vermutlich wegen eines fehlenden leicht zugänglichen Ankerplatzes verlassen wurde, wird nicht erwähnt. Womöglich war die Sorge zu groß, im Kampf für die gerechte Sache den „Klimaleugnern“ Munition zu liefern. Oder die Geschichte vom modernen Atlantis in der Südsee war einfach zu schön, um sie sich völlig von der Realität kaputtmachen zu lassen.

 

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Johannes Kaufmann hat schon vieles gemacht. Zum Beispiel Chemie studiert, eine Karriere als Profifußballer angestrebt und eine Doktorarbeit über israelische Militärgeschichte geschrieben. Außerdem hat er vieles nicht zu Ende gemacht. Zum Beispiel sein Chemiestudium, die Karriere als Profifußballer oder seine Doktorarbeit. Mit Umwegen über Uni, Israel, die Physikalisch-Technische Bundesanstalt etc. und einigen Jahren als Wissenschaftsredakteur bei der Braunschweiger Zeitung ist er mittlerweile in der Presseabteilung einer Forschungsinstitution gelandet. In seiner Freizeit beschäftigt er sich besonders gern mit Agrarforschung, Lebensmittelsicherheit, Infektionsforschung, Gentechnik und Kometenlanderobotern.