Michaelangelos Fresco "Die Erschaffung Adams" in der Sixtinischen Kapelle. Gemeinfrei

Mythenjagd (12): Evolution ist „nur eine Theorie“

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Die Evolutionstheorie gehört zu den am besten belegten Modellen der Naturwissenschaft. Zugleich ist Evolution selbst eine beobachtbare Tatsache wie die Schwerkraft. In der Kritik vieler Kreationisten offenbart sich die Unkenntnis der Methode wissenschaftlicher Erkenntnissuche.

„Nur eine Theorie.“ So wird das gängige Modell für die Entstehung und Veränderung der Arten gern abqualifiziert – insbesondere in Diskussionen mit Kreationisten, die im Biologieunterricht am liebsten Schöpfungsmythos und Evolution nebeneinander gelehrt sehen wollen.

Allein, diese Kritik beruht auf einer falschen Vorstellung davon, was eine wissenschaftliche Theorie ausmacht. In diesem Artikel soll es nun weniger um die Widerlegung der „Widerlegungen“ der Evolutionstheorie gehen. Wer sucht, findet zu eigentlich jedem der angeblichen Argumente gegen die Evolution eine Replik von Menschen, die sich damit verdammt gut auskennen, z.B. hier, hier, hier und vor allem hier. Vielmehr geht es um das fundamentale Missverständnis des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses, das hinter der Kritik der Evolutionstheorie als „nur“ eine Theorie steht.

Theorien sind Ziel und Ergebnis wissenschaftlichen Arbeitens

Denn anders als in der Alltagssprache bezeichnet eine Theorie in der Wissenschaft keine unbewiesene Vermutung oder gar wilde Spekulation. Sie ist ein Modell für einen Ausschnitt der Realität, das alle Beobachtungen, Daten und Ergebnisse von Experimenten auf einem Feld verbindet und erklärt und zudem Voraussagen für die Ergebnisse künftiger Tests ermöglicht. Eine Theorie ist somit Ziel und Ergebnis wissenschaftlichen Erkenntnisstrebens.

Diese Erkenntnissuche ist niemals abgeschlossen, das Wissen entwickelt sich stets weiter. Der amerikanische Astronom und große Wissenschaftskommunikator Carl Sagan betonte deswegen, dass nicht von Autoritäten in weißen Kitteln verkündete Fakten das Wesen der Wissenschaft ausmachen, sondern ihre Methodik: „Die Methode der Wissenschaft, so schwerfällig und abweisend sie scheinen mag, ist weitaus wichtiger als ihre Ergebnisse.“

Zu dieser Methode gehört es, Annahmen empirisch zu überprüfen. Allerdings kann eine Hypothese oder Theorie nicht bewiesen werden, denn einzelne Beobachtungen können unmöglich ein allgemeines Gesetz belegen und damit für alle möglichen Beobachtungen stehen, egal wie zahlreich sie sind. Als Ausweg aus diesem Problem hat der Philosoph Karl Popper 1934 die „Falsifikation“ vorgeschlagen: Eine Hypothese kann durch Beobachtung zwar nicht be-, wohl aber widerlegt werden. Popper fasste seine Forderung an Wissenschaftlichkeit in einem Satz zusammen: „Ein empirisch-wissenschaftliches System muss an der Erfahrung scheitern können.“

Nur Pseudowissenschaft ist unwiderlegbar

Damit lieferte Popper zugleich ein Kriterium zum Erkennen von Pseudowissenschaft. In der Homöopathie etwa wird eine Verbesserung des Gesundheitszustands dem „Arzneimittel“ zugeschrieben. Geht es dem Patienten aber schlechter, wird dies einer am Ende ebenfalls heilsamen „Erstverschlimmerung“ zugeschrieben. Die Wirksamkeit wird also postuliert, egal was die Beobachtung zeigt. Ähnlich unwiderlegbar und damit unwissenschaftlich ist die Behauptung, Gott habe die Welt erschaffen. Weder Homöopathie noch Schöpfungslehre haben somit etwas im naturwissenschaftlichen Biologieunterricht verloren.

Das von Popper beschriebene Verfahren macht wissenschaftlichen Fortschritt zu einem permanenten Prozess des Widerlegens und anschließenden Anpassens und Schärfens oder Ersetzens von Annahmen. Der Philosoph und Physiker Gerhard Vollmer, der viele Jahre an der TU Braunschweig lehrte, pflegte diesen Prozess in seiner Vorlesung „Wissenschaftstheorie“ mit den Worten „Wir irren uns empor“ zusammenzufassen.

Das bedeutet aber nicht, dass wissenschaftliches Wissen deswegen unzuverlässig und beliebig würde. Theorien sind Erklärungssysteme für Hypothesen, die sich über lange Zeit bewährt haben. Sie werden nur selten über den Haufen geworfen, sondern zumeist durch weitere Hypothesen ergänzt, die sowohl neu gefundene Gegenbeispiele erklären als auch die bewährten Teile der alten Theorie aufnehmen.

Einsteins Relativitätstheorie hat Newtons Mechanik nicht widerlegt, sondern lediglich in ihrer Gültigkeit beschränkt. Relativistische Effekte werden bei extrem hohen Geschwindigkeiten relevant. Damit behält die klassische Mechanik nach Newton in den meisten Situationen des Alltags ihre Erklärungskraft bei. Aber letztlich ist auch die Allgemeine Relativitätstheorie „nur“ eine Theorie und als solche nicht in Stein gemeißelt. Wie jede wissenschaftliche Theorie kann sie widerlegt werden.

Evolution ist eine beobachtbare Tatsache

Das gilt allerdings nicht für die Tatsachen, die sie erklären soll – wie zum Beispiel die Gravitation. Sollte die Relativitätstheorie tatsächlich einmal widerlegt werden, dann werden Äpfel trotzdem weiterhin Richtung Erdmittelpunkt fallen und nicht plötzlich in der Luft schweben.

Ähnlich ist es mit der Evolution. Sie bezeichnet den Wandel genetischer Eigenschaften einer Population über einen Zeitraum. Dieser Wandel ist eine vielfach beobachtete und experimentell getestete Tatsache. Sie zeigt sich unter anderem in der Entstehung von Antibiotikaresistenz von Bakterien, wenn zufällige Mutationen ihres Erbguts resistenten Individuen im Kontakt mit Medikamenten einen Überlebensvorteil gegenüber anfälligen Artgenossen verschaffen. Oder bei Tieren, die eine an ihren Lebensraum angepasste Tarnung entwickeln. In Laborexperimenten mit Fruchtfliegen konnte die allmähliche und zum Teil extreme Veränderung vererbbarer Merkmale direkt beobachtet werden.

Die Evolutionstheorie erklärt den Mechanismus hinter dieser Tatsache. Die Zusammenführung solcher Beobachtungen, Experimente und Daten in der Evolutionstheorie ist die Grundlage der modernen Biologie. Sie gilt heute als eine der am besten belegten Theorien der Naturwissenschaft. Sollte sie wirklich einmal ausgedient haben, dann nur, weil sie durch ein neues Modell ersetzt wird, das die bekannten Daten und Beobachtungen noch besser erklären kann. Aber das wird sicher nicht eine perfekte Schöpfung unveränderlicher Arten durch einen allmächtigen Gott vor wenigen tausend Jahren sein, die im kompletten Widerspruch zu den bisherigen Erkenntnissen steht.

„Nichts in der Biologie ergibt Sinn außer im Lichte der Evolution“

Seit Charles Darwins Epochenwerk „Über die Entstehung der Arten“ von 1859 wurde die Evolutionstheorie unentwegt angepasst und weiterentwickelt. Zum Teil wurden Darwins Ideen auch verworfen. Sein Buch ist keine Bibel der Evolutionstheorie. So irrte Darwin in seiner Überzeugung, dass erworbene Eigenschaften vererbt würden. Dieser Irrtum wiederum wurde später durch die Erkenntnisse der Epigenetik, also durch die Veränderung der Genfunktion durch äußere Einflüsse, welche durchaus an Nachkommen vererbt werden kann, wieder relativiert. Definitiv falsch lag Darwin allerdings mit seiner Behauptung, die Vererbung erworbener Eigenschaften sei ein Motor der Evolution. Auch wusste er nicht, dass Erbgut (Gene waren noch gar nicht bekannt) nicht nur vertikal innerhalb einer Art, sondern auch horizontal zwischen Arten weitergegeben werden kann. Die ständige Anpassung der Theorie an den Stand des Wissens offenbart die häufig von Kreationisten angeführte Gleichsetzung der Evolutionstheorie mit religiösem Glauben als unhaltbare Polemik. Der australische Kabarettist Tim Minchin bringt es in seinem Gedicht „Storm“ auf den Punkt: „Wissenschaft passt ihre Sicht an die Beobachtung an. Religion ist das Leugnen der Beobachtung, damit der Glaube bewahrt werden kann.“

„Nichts in der Biologie ergibt Sinn außer im Lichte der Evolution“, fasste Theodosius Dobzhansky, einer der bedeutendsten Evolutionsbiologen des 20. Jahrhunderts, die Rolle der Evolutionstheorie für die Biologie zusammen. Diesen Titel gab Dobzhansky auch einem Essay, in dem er sich zu seinem christlichen Glauben bekennt. Die Vorstellung, dass Gott den Menschen mit einem zwar beobachtbaren, aber letztlich falschen Evolutionsprozess täusche, nennt der gläubige Biologe darin blasphemisch.

Dobzhansky bezeichnete seine Überzeugung als „evolutionären Theismus“. „Es ist falsch, Schöpfung und Evolution als sich ausschließende Alternativen zu betrachten“, schrieb er in seinem Essay. Auch die großen christlichen Kirchen betrachten die Evolution heute als Teil der Schöpfung.

Der Biologie kann es freilich egal sein, ob die Evolution am Anfang durch einen Schöpfergott in Gang gesetzt wurde. Zum Verständnis der Natur trägt ein solcher Glaube nichts bei. Zumindest aber zeigt er, dass Glaube nicht zwangsläufig mit dem Leugnen wissenschaftlicher Erkenntnisse verbunden sein muss.

 

Bio bedeutet ungespritzt. Kernreaktoren können explodieren. Kuba hat ein vorbildliches Gesundheitssystem. Der Körper kann entschlackt werden. Die Meere sind überfischt. Wassersparen schont die Umwelt. Tierversuche sind überflüssig. Homöopathie ist keine Magie. Homosexualität ist unnatürlich. Erst stirbt die Biene, dann der MenschIn unregelmäßigen Abständen begibt sich Johannes Kaufmann hier auf Mythenjagd. Themenvorschläge werden gern entgegengenommen.

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Johannes Kaufmann hat schon vieles gemacht. Zum Beispiel Chemie studiert, eine Karriere als Profifußballer angestrebt und eine Doktorarbeit über israelische Militärgeschichte geschrieben. Außerdem hat er vieles nicht zu Ende gemacht. Zum Beispiel sein Chemiestudium, die Karriere als Profifußballer oder seine Doktorarbeit. Mit Umwegen über Uni, Israel, die Physikalisch-Technische Bundesanstalt etc. und einigen Jahren als Wissenschaftsredakteur bei der Braunschweiger Zeitung ist er mittlerweile in der Presseabteilung einer Forschungsinstitution gelandet. In seiner Freizeit beschäftigt er sich besonders gern mit Agrarforschung, Lebensmittelsicherheit, Infektionsforschung, Gentechnik und Kometenlanderobotern.